ZEIT: Was sollte die deutsche Forschung also tun?

Hornbostel: Einige Universitäten oder Forschungseinrichtungen haben sogenannte Whitelists herausgegeben: Listen von seriösen Zeitschriften, die sie ihren Mitarbeitern als Publikationsort empfehlen. Wer woanders publizieren möchte, muss belegen, dass das Journal seriös ist. Aber das sind Ausnahmen. Die Qualitätssicherung sollte vornehmlich vermeiden, dass Artikel zurückgezogen werden, etwa weil die Daten nicht stimmen oder jemand unsauber gearbeitet hat. Dass es ebenso schädlich für die Reputation ist, in dubiosen Journals seine Forschungsergebnisse zu präsentieren, darüber haben die meisten Institute bislang nicht nachgedacht. Das wird sich nun wohl ändern.

ZEIT: Wie kann der einzelne Wissenschaftler die Fake-Journals erkennen?

Hornbostel: Bei einige Raubverlagen reicht ein Blick auf die Homepage, um zu erkennen, dass es sich um ein windiges Unternehmen handelt. Manchmal muss man genauer hinschauen. Dann stellt sich etwa heraus, dass das American Journal of Scientific Research nicht in den USA, sondern auf den Seychellen erscheint. Auch hilft es, den Titel des Verlags oder Journals zu googlen. Sollte es sich um eines der einschlägigen Unternehmen handeln, findet man dazu fast immer Hinweise im Netz.

ZEIT: Als Hauptgrund für die Explosion der Fake-Journals wird der Publikationsdruck genannt, der auf den Wissenschaftlern lastet: Publish or perish.

Hornbostel: Ich halte das für übertrieben. Der Spruch stammt aus den Fünfziger-, vielleicht aus den Dreißigerjahren. Schon damals klagten die Forscher darüber, dass der Publikationsdruck der Wissenschaft schadet.

ZEIT: Aber der Druck hat doch zugenommen!

Hornbostel: Das stimmt für junge Forscher, die sich beweisen müssen. Bei etablierten Kollegen frage ich mich, ob das nicht oft ein gefühlter Druck ist. Zumal viele Wissenschaftseinrichtungen mittlerweile die gegenteilige Richtung einschlagen: weg von der Menge der Publikationen, stärker hin zum Inhalt. Sie fragen: Wo ist der Beitrag veröffentlicht? Hat er die Forschung vorangebracht? Wie oft wurde er zitiert?

ZEIT: Ist das Umdenken überall angekommen?

Hornbostel: Wohl nicht. In der Medizin etwa dürfte es noch Berufungskommissionen geben, welche die Menge Publikationen und den Impact-Faktor der Zeitschrift zusammenrechnen. Aber das ist nicht die Regel. Bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft darf man schon seit Jahren nur die wichtigsten Aufsätze einsenden, wenn man sich um eine Förderung bewirbt.

ZEIT: Wird nicht ohnehin zu viel veröffentlicht?

Hornbostel: Auch diese Klage ist alles andere als neu. Seit Ende des 19. Jahrhunderts steigt die Zahl der Publikationen exponentiell an. Doch die Wissenschaft hat darauf reagiert.

ZEIT: Wie?

Hornbostel: Weil man nicht mehr alles lesen konnte, entstanden Review-Zeitschriften, die den Forschungsstand zusammenfassen, heute lässt sich relevante Literatur in großen Datenbanken recherchieren. Ich wage mal eine Prognose: In Zukunft wird der Hauptteil der wissenschaftlichen Recherche- und Lesearbeit von Computern übernommen.

ZEIT: Der Computer liest für mich?

Hornbostel: Genau. Inzwischen können die Programme nicht nur Schlüsselwörter aus einem Text destillieren, sondern komplexe Sinnzusammenhänge analysieren und zusammenfassen, sodass man sich auf das Wesentliche konzentrieren kann.

ZEIT: Von der These der Publikationskrise in der Wissenschaft halten Sie also wenig?

Hornbostel: Wissenschaft lebt von Innovation. Dafür müssen ständig gewohnte Praktiken infrage gestellt und überwunden werden. Für die Wissenschaft ist die Krise der Normalzustand.