Augen geradeaus! Herren in Zivil nehmen bitte ihre Kopfbedeckung ab. Unter den Klängen des Königgrätzer Marsches zieht das Wachbataillon in den Bendlerblock ein. Weiße Handschuhe an hölzernen Karabinern, schwerer Eisenbeschlag an schwarzen Stiefeln. Damit es effektvoller knallt beim Marschieren und Stillstehen. Das Wachbataillon ist das Eleganteste, was die Bundeswehr zu bieten hat, es ist ihre Visitenkarte. Diese protokollarische Elite ist am 20. Juli angetreten, um neuen Bundeswehr-Rekruten die Ehre zu erweisen. Die werden vereidigt – am selben Datum und am selben Ort, an dem Stauffenberg und die Seinen nach dem erfolglosen Putschversuch gegen Adolf Hitler erschossen worden sind. Es ist einer der wenigen Tage, an denen militärisches Zeremoniell in Deutschland überhaupt länger sichtbar ist. Es ist auch der Tag, an dem das Verhältnis zwischen Volk und Parlamentsarmee definiert wird. Es ist, das macht das Zeremoniell klar, ein Verhältnis der Hingabe, in letzter Konsequenz der absoluten Hingabe, also: des Opferns. Und damit: der Religion. Geopfert wird sich nur für einen höheren Zweck. Welcher ist das? Das wird heute der Festredner, der Jesuit Klaus Mertes, erörtern.

Die deutsche Militärgeschichte ist gebrochen, das macht die Traditionspflege schwierig. Woran darf man denn anknüpfen? Und wie? Militärparaden gibt es in (West-)Deutschland seit Kriegsende nicht mehr. Ein großes Defilee zum 3. Oktober ist bis heute undenkbar. Also wurde das Gelöbnis als vornehmste Verpflichtung auf die Demokratie installiert. Der unsichtbare Oberkommandierende eines Gelöbnisses ist die Verfassung, ist das Grundgesetz, auf dessen Werte die Soldaten schwören. Doch ohne Probleme geht auch das nicht zu. Seit 1980 führt die Bundeswehr öffentliche Gelöbnisse durch. Davor hielt sich die Armee bedeckt – und gleich bei der ersten Feier 1980 kam es in Bremen zum Eklat. Tausende demonstrierten gegen die Militarisierung der Gesellschaft, lieferten sich Straßenschlachten mit Polizei und Feldjägern. Mehrere Hundert Beteiligte wurden verletzt. Danach gab es ein Jahrzehnt lang keine öffentlichen Gelöbnisfeiern mehr. Seit 1996 findet das Zeremoniell auch in Berlin statt, und es stellt sich dort in die Tradition der Verschwörer vom 20. Juli 1944. Es will den Staatsbürger in Uniform präsentieren, keine gesichts- und bedenkenlose Armee. Damit diese Präsentation störungsfrei gelingen kann, verhindern weiträumige Absperrungen heutzutage Zusammenstöße zwischen Gelöbnisbesuchern und Gelöbnisgegnern. Der Paradeplatz beim Bundesverteidigungsministerium: eine Hochsicherheitszone.

Das Allerheiligste dieser Zeremonie ist die Truppenfahne. Sie wird beim Hereintragen ehrfürchtig gegrüßt, sie symbolisiert den Staat und ist eine Art Berührungsreliquie. Sechs Rekruten legen stellvertretend für alle anderen ihren Eid während des Gelöbnisses auf die Fahne ab. Wenn die Bundeswehr sich in die Tradition der Wehrmachtsoffiziere stellt, die gegen ein Unrechtsregime geputscht haben, dann geht es bei ihrem Dienst nicht nur um das Opfer für die Staatsmacht, sondern auch um das Opfer gegen die Staatsmacht. So dankt Ursula von der Leyen als Verteidigungsministerin, nachdem sie ihre Rekruten mit strengem Blick inspiziert hat, den Soldaten für eine Einsatzbereitschaft, die "bis zum Letzten" gehe. Sie erwähnt nicht, dass die Verschwörer vom 20. Juli nicht unbedingt Verfechter einer Demokratie waren, wie sie beim Gelöbnis verstanden und gefeiert wird.

Überhaupt das Feiern: Das sind also diese Soldaten, die man sonst nur in der "Tagesschau" sieht, wenn wieder irgendein Gewehr nicht schießt oder ein Eurofighter nicht fliegt, wenn von Vergewaltigungen durch Offiziere die Rede ist oder von befremdlichen Initiationsriten, bei denen angehende Gebirgsjäger stückweise rohe Leber verzehren müssen, um dazuzugehören. Die Truppe ist bei der Bevölkerung, zu deren Verteidigung sie aufgestellt wurde, nicht gut gelitten. Kurz vor dem Gelöbnis erschien in der deutschnational orientierten Zeitung "Junge Freiheit" der Artikel eines ehemaligen Bundeswehroffiziers, der sich bitterlich darüber beklagte, dass die Armee ein politikverschuldetes Renommee-Problem habe und es einem Soldaten in Uniform unmöglich sei, ungestört in Berlin in ein Café zu gehen. Deutschland bekenne sich nicht zu seiner Armee, schreibt der Leutnant.

Beim Gelöbnis bekennt sich aber die Armee zu Deutschland. Dass dieses Bekennen von christlichen Werten geprägt sein muss, stellt der Festredner des Abends klar. Das Musikkorps spielt noch des "Großen Kurfürsten Reitermarsch", dann tritt ein katholischer Priester ans Rednerpult, das von zwei fröhlichen Blumenkübeln flankiert wird. Es ist Klaus Mertes, Jesuit in Kollarhemd und Jackett, Aufdecker des Missbrauchsskandals am Berliner Canisius-Kolleg, dessen Schuldirektor er von 2000 bis 2011 war. Ob es nicht passend sei, dass er, der Kirchenrebell und Widerstandskämpfer gegen ein Schweigekartell, nun vor Soldaten eine Rede halte, die sich um Befehlsverweigerung von Widerständlern drehe, fragt man ihn vorab am Telefon, doch er sagt: "Nein, ich habe ja nicht in Plötzensee am Fleischerhaken gehangen." Er wolle sich wirklich nicht in eine Reihe stellen mit denjenigen, die für ihren Widerstand im Plötzenseer Gefängnis hingerichtet wurden, sagt Mertes.

An gleicher Stelle rief Helmut Schmidt als Redner vor einigen Jahren den Soldaten zu: "Dieser Staat wird euch nicht missbrauchen!" Nun ruft Pater Mertes: "Sie legen heute ein Gelöbnis ab. Aber Sie geben Ihr Gewissen nicht ab. Das Gegenteil wird von Ihnen erwartet." Doch, fragt er, woran erkenne man eigentlich, dass eine Gewissensentscheidung anstehe, man einem Befehl nicht Folge leisten dürfe? Seine Antwort ist: Man muss unsicher bleiben. Auch die Männer des Widerstands gegen Hitler hätten sich zuerst von alten Überzeugungen trennen müssen – in den Worten der Bibel: Sie mussten umkehren und bereuen –, bevor sie sich für den Widerstand entscheiden konnten. Von der Unsicherheit einmal abgesehen hülfen Glaube und Verstand, sagt Mertes, "ein Glaube in dunkelsten Stunden, den man nur als Geschenk empfangen kann". Sollte es dazu kommen, dass ein Soldat sein Leben lassen müsse, dürfe man keinesfalls von Hingabe sprechen, sondern von Wegnahme, um die Täter nicht zu entlasten. Bei Mertes gibt es keine Märtyrer im Militär, aber Opfer, die gibt es. Wer seinem Gewissen folge, so Mertes, der zahle einen hohen Preis: Er werde als Verräter gebrandmarkt, vielleicht für eine lange Zeit. Diesen Preis hätten die Männer des 20. Juli gezahlt.

Nach seinen Worten stimmt das Musikkorps das altniederländische Dankgebet "Wir treten zum Beten" an, einen nicht unproblematischen Choral, der während der Nazizeit zur sakralen Überformung militärischer Massenveranstaltungen benutzt wurde: "Im Streite zur Seite ist Gott uns gestanden,/ Er wollte, es sollte das Recht siegreich sein:/ Da ward, kaum begonnen, die Schlacht schon gewonnen./ Du, Gott, warst ja mit uns: Der Sieg, er war dein!"

Stillstehen mit Tuba und Glockenspiel ist schwer. Und so klimpert das Wachbataillon noch zart nach, als sechs Rekruten über der gesenkten Truppenfahne die Hand ausstrecken und gemeinsam mit ihren rund 400 Kameraden lautstark schwören: "Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. So wahr mir Gott helfe."

Der Traditionserlass der Bundeswehr schreibt den deutschen Soldaten vor, nach welchen Tugenden sie zu streben haben: Tapferkeit, Ritterlichkeit, Anstand, Treue, Bescheidenheit, Kameradschaft, Wahrhaftigkeit, Entschlussfreude und gewissenhafte Pflichterfüllung sind darunter. Das ist viel für einen jungen Mann oder eine junge Frau, noch dazu ist es eine Mischung aus Preußentum und Christentum, die völlig unmodern klingt und ist. Schon der Slogan der Bundeswehr "Wir. Dienen. Deutschland" wird unter Zivilisten eher verspottet als respektiert. Die Bundeswehr möchte dienen, den Deutschen ist so viel Ehrerbietung suspekt. Die Hingabe, um in der Sprache des Abends zu bleiben, wird gar nicht erst angenommen. Und so zeigt sich das komplizierte Verhältnis zwischen Schützern und Beschützten vor allem auch im Feierlichen Gelöbnis. Hier wird zwar etwas vollzogen, aber eine Liebesehe ist es nicht: Nach dem Fahneneid spielt das Musikkorps mit allem Pathos, zu dem es fähig ist, die Nationalhymne. Sie ist der Bundeswehr besonders wichtig, sie ist ihr höchstes Traditionsgut. Alle singen. Das heißt, alle Soldaten. Von den Tribünen weht ihnen Schweigen entgegen.