Es ist kurz nach 14 Uhr an diesem Mittwoch im Juli, als sich der Bundespolizist Marcus Zaharanski auf die Lauer legt. Beziehungsweise: auf die Lauer parkt. Er will den Autobahnverkehr an der sächsisch-tschechischen Grenze überwachen. Und Fahrzeuge kontrollieren, die ihm verdächtig erscheinen.

Ob hier wohl Flüchtlinge unterwegs sind?

Gemeinsam mit seinem Kollegen sitzt Zaharanski da und starrt auf die A 17, die von Prag in Richtung Dresden verläuft. Fünf Minuten vergehen, zehn, zwölf. "Wir brauchen Geduld", sagt Zaharanski. Durchschnittlich 13.000 Autos rasen jeden Tag über die A 17, 6000 Lkw, 170 Busse. Ein irrsinniger Verkehr. Wie entscheidet er, was ihm verdächtig erscheint? "Ich habe da ein Bauchgefühl entwickelt", sagt Zaharanski.

Irgendwann fragt sein Kollege: "Wollen wir den nehmen?" Und los geht die Fahrt. Zaharanski beschleunigt, fährt einem Flixbus hinterher, lotst ihn auf den Parkplatz.

Glaubt man Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU), dann hat sein Freistaat ein Migrationsproblem. Denn weil Bayern seine Grenzen immer besser beschützt, gebe es "Ausweichbewegungen" auf andere Grenzabschnitte, erklärt Wöller und meint damit: seinen sächsischen. "Wir brauchen die Möglichkeit zur Zurückweisung nicht nur für Österreich, sondern auch für unsere Grenzen zu Polen und Tschechien", sagte Wöller deshalb der Freien Presse . Die Bundesregierung sei "aufgefordert, zu handeln".

Wöllers Aussagen gingen in der Aufregung um den Streit zwischen CDU und CSU ein bisschen unter, aber sie sind brisant: Fordert Sachsens Staatsregierung da tatsächlich etwas, das es nirgendwo außerhalb Bayerns gibt – die Wiedereinführung stationärer Grenzkontrollen? Die Rückkehr der Schlagbäume? Man kann Wöller nicht fragen, weil er für die ZEIT gerade nicht erreichbar ist. Aber offenbar würde er seinen Bürgern gerne zeigen, dass auch Sachsen gewillt ist, seine Grenzen zu schützen; ähnlich rigide, ähnlich entschlossen, wie die Bayern das tun möchten. Vielleicht will er nicht hintenanstehen. Vielleicht glaubt er, die Migrationsdebatte werde auch an der A 17 entschieden. Doch womöglich ist es ohnehin besser, diejenigen zu fragen, die sich mit dem Thema am besten auskennen: die Bundespolizisten an der Grenze.

Stimmt es überhaupt, dass Asylsuchende und andere Migranten Bayern im Wortsinne umgehen, um über Deutschlands Osten einzureisen?

Bundespolizist Marcus Zaharanski hat seinen Dienst-BMW inzwischen auf dem Parkplatz abgestellt und läuft auf den Flixbus zu. "Federal Police, we check your passports", ruft er, dann betritt er den Bus. Von allen Reisenden lässt er sich die Ausweise zeigen, aber nur einige nimmt er vorübergehend mit in seinen Dienstwagen. Sein "Bauchgefühl" sage ihm, welche Ausweisnummern von der Leitstelle noch einmal gecheckt werden müssen; wer eventuell kein gültiges Visum hat oder vorbestraft sein könnte.

Es gibt nur einen Treffer: Ein junger Mann im Bus ist verurteilt wegen Crystal-Besitzes. Zaharanskis Kollege durchsucht daraufhin die Reisetasche dieses Mannes. Später zuckt er enttäuscht mit den Schultern: nix gefunden. Der Bus fährt weiter.

Wonach suchen die Beamten bei ihren Kontrollen? Zaharanski sagt: "Wir haben es hier an der Grenze mit jedem denkbaren Delikt zu tun, mit allem, was das Strafgesetz hergibt: Verstoß gegen das Waffengesetz, unerlaubter Aufenthalt, Fahren ohne Führerschein."

Aber Flüchtlinge – sucht er auch Flüchtlinge?

Na ja, sagt Zaharanski. Denen begegne er hier selten. So gut wie nie eigentlich in den letzten Monaten. Vor drei Jahren, im Herbst 2015, war es anders. Sogar an Autobahnraststellen, erinnert sich der Bundespolizist, hätten Schleuser die Flüchtlinge ausgesetzt. Vorübergehend wurden, für wenige Wochen, Grenzkontrollen wiedereingeführt. In einen Opel Zafira quetschten sich schon mal 13 Menschen, aus einem Kleinbus mit neun Sitzplätzen schälten sich 22 Leute heraus. "2015 waren wir echt an der Leistungsgrenze, wir waren kurz vorm Ausbrennen", sagt Zaharanski. Aber das sei alles, gefühlt, lange her.