Möchte man, wenn draußen vor der Tür die Hitze ins Freibad zwingt oder wenigstens zum Würstchengrillen in den Park, wirklich in einem abgedunkelten Raum auf Klappsesseln hocken und stundenlang eine Leinwand anstarren? Vermutlich eher nicht, und nachvollziehbarerweise ächzen Kinobetreiber in Hitzemonaten traditionell über leere Kassen, die sich selbst mit hochkarätigen Produktionen nur mühsam füllen lassen. Umso erstaunlicher, dass aktuell mit Hamburger Gitter ein Dokumentarfilm für volle Säle und hunderttausendfach geklickte Internet-Trailer sorgt. Ein Werk, das Hobbyfilmer in ihrer Freizeit gedreht und produziert haben, ohne Budget, ohne große handwerkliche Erfahrung – und anfangs, als der Film vor einigen Wochen ohne Werbeetat in kleinen Nischenkinos anlief, sogar noch ohne Vertrieb.

Der sperrige, nach Soziologievorlesung klingende Untertitel des Films, Der G20-Gipfel als Schaufenster moderner Polizeiarbeit, verrätselt den unerwarteten Erfolg erst recht und vermag ihn gleichzeitig doch zu erklären. Denn trotz Sonderausschüssen des Hamburger Senats, trotz Titelblättern, Leitartikeln und Fernsehreportagen über Ausschreitungen auf Hamburgs Straßen und wie es dazu kommen konnte, scheint eine andere, banale Frage weiterhin unbeantwortet: Rechtfertigt der Zweck die Mittel? Also: Dürfen sich die Sicherheitsbehörden, um vermuteter Straftäter Herr zu werden, über geltendes Recht hinwegsetzen?

Warum die Hamburger Gipfeltage wohl für lange Zeit als größter Polizeieinsatz in der Geschichte der Bundesrepublik unübertroffen bleiben, zeigen die Filmemacher mit Textfeldern, die sie in Drohnenaufnahmen des Hafenbeckens, der Elbphilharmonie und des Fernsehturms montieren: 31.200 Polizisten, 3000 Einsatzfahrzeuge. 21 Wasserwerfer. Eine 38 Quadratkilometer große Demoverbotszone, 80.000 Demonstranten. Gesprächspartner wie ein Dozent der Polizeiakademie, Politikerinnen, der Sprecher der Hamburger Polizei, Wissenschaftler und Journalisten wie der SZ -Chefredakteur Heribert Prantl rücken das Protestgeschehen ins Verhältnis zum Agieren der Sicherheitsbehörden. Das Ereignis wird als Pars pro Toto verhandelt, als Testfeld für die Militarisierung der Sicherheitspolitik, die sich, so die These der Filmemacher und der Interviewten (abzüglich des Polizeisprechers), in neuen scharfen Polizeigesetzen wie in Bayern genauso zeige wie darin, dass hochgerüstete Polizeibeamte mit Maschinengewehren friedliche G20-Gegner belauert hätten. Ein Szenario, das "mit freier Meinungsäußerung nichts mehr zu tun hat, es ist eine kontrollierte, domestizierte, obrigkeitsstaatliche Gewährung", wie die interviewte Rechtsanwältin Gabriele Heinecke befindet.

Hamburger Gitter zeigt fast schon vergessene Bilder randalierender Polizisten, die Schmerzgriffe bei bewusstlosen Demonstranten anwenden und tanzende Menschen attackieren, und weist damit auf die Leerstelle der manichäischen Erzählung hin, die staatlicherseits nach dem Gipfel platziert wurde: gewaltbereite Demonstranten hier, sakrosanktes Handeln bei Polizei und Senat dort. Gerne wüsste man, wie der damalige Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz mit einem Jahr Abstand über die Wirren der Gipfeltage spricht. Mehrfach baten ihn die Filmemacher zum Interview, stets sagte er ab. Vermutlich, weil er davon ausging, dass Hamburger Gitter außerhalb der linken Szene sowieso niemand beachten würde – im Zusammenhang mit dem G20 offenbar nicht seine einzige Fehleinschätzung.