Chinas neueste Propagandawaffe gegen Donald Trump ist klein und rund. "Hi alle. Ich bin eine Sojabohne. Ich sehe zwar nicht nach viel aus, aber ich bin sehr wichtig", sagt die gelbe Comicbohne in einem englischsprachigen Kurzvideo, das der chinesische Auslandssender CGTN am vergangenen Freitag auf seine Website stellte. Der Clip richtet sich an amerikanische Landwirte: Trumps Kernwähler, Leidtragende im Handelskonflikt zwischen China und Amerika. Sie sollen begreifen: Schaut, China kauft euch 62 Prozent eurer Sojaexporte ab! Ihr habt mindestens genauso viel zu verlieren wie wir!

Das Video ist Teil einer neuen Pekinger PR-Strategie: Nicht mehr so rauflustig auftreten wie bisher, lieber den Gegner spalten. Noch im Juni hatte der chinesische Präsident klare Worte gewählt: "In unserer Kultur schlagen wir zurück", soll Xi Jinping laut Wall Street Journal während eines Treffens mit westlichen Konzernchefs gesagt haben. Die erste Zollrunde der Amerikaner auf Waren im Wert von 34 Milliarden Dollar vergalt China umgehend mit Zöllen in gleichem Umfang. Seither aber geben sich die staatlichen Medien unerwartet handzahm.

Als Trump am vergangenen Freitag Strafzölle auf sämtliche chinesischen Importe im Wert von 500 Milliarden Dollar ankündigte, las man in den Staatsmedien dazu tagelang: nichts. Das Wort "Handelskrieg" darf in vielen Überschriften nicht mehr vorkommen. Die Presse ist angehalten, das Thema kleinzuhalten. Persönliche Angriffe auf Trump sind tabu. So steht es in Propagandamemos der Regierung, die öffentlich wurden.

"Die Führung hat gemerkt, dass sie sich mit ihrem aggressiven Auftreten keinen Gefallen getan hat", sagt Jörg Wuttke, ehemaliger Präsident der Europäischen Handelskammer in Peking. Hu Xingdou, einer der wenigen chinesischen Ökonomen, die derzeit offen über den Handelskonflikt sprechen, sagt: "Trump gewinnt zu Hause an Unterstützung, Chinas Image hat jedoch gelitten. Die Situation bringt die Regierung in Verlegenheit."

Lange scheint Xi Trumps Kriegsgeheul für einen Bluff gehalten zu haben. Nach dem ersten Gipfeltreffen in Florida hatte der US-Präsident von der "großartigen Chemie" zwischen sich und Chinas Präsidenten geschwärmt, seine Tochter Ivanka bekam ihre Geschäftslizenzen in China, in Peking kungelten Investoren mit der Familie von Trumps Schwiegersohn. Schlittert China über den Handelskrieg nun in eine Wirtschaftskrise, droht Xi zu Hause an Macht zu verlieren: Der chinesische Präsident, der sich eben noch als außenpolitisches Genie preisen ließ, könnte nun dastehen wie ein Amateur, der sich verzockt hat. Eine Auge-um-Auge-Revanche funktioniert nicht: China exportiert rund dreimal so viel Waren in die USA, wie es aus Amerika einführt.

Der unmittelbare Schaden der Strafzölle hält sich in Grenzen. Verhängt Trump wie angekündigt Ende August Zölle auf weitere 200 Milliarden Dollar Importe, bremst das das chinesische Wachstum in diesem Jahr lediglich um 0,3 Prozentpunkte ab, schätzen Analysten internationaler Banken. China ist längst nicht mehr so abhängig von Exporten wie einst. Gefährlicher sind die psychologischen Auswirkungen eines solchen Rückschlags im Handel: Die chinesische Wirtschaft erlebt gerade ohnehin schwierige Tage.

Seit Januar sind die Kurse an den chinesischen Aktienmärkten im Schnitt um mehr als 20 Prozent eingebrochen. Das Wachstum hat sich im zweiten Quartal auf 6,7 Prozent verringert (6,9 Prozent waren es im Vorjahresquartal), das war durchaus gewollt von der Zentralregierung, die seit 2017 die Staatsinvestitionen zurückgefahren hat. Sie will die riesigen Schuldenberge der öffentlichen Haushalte abtragen. Darüber geraten jedoch nun Großprojekte wie die neue Seidenstraßen-Handelsroute ins Stocken.

Auch die zuletzt erfolgsverwöhnte Technologiebranche kämpft mit Rückschlägen: Risikokapitalfonds in der Boomregion Shenzhen hätten im ersten Quartal des Jahres bis zu 50 Prozent weniger Investitionen eingesammelt als 2017, berichtete eine Investitionsberatungsfirma namens Zero2IPO. Der gehypte Elektronikhersteller Xiaomi erzielte bei seinem Börsendebüt in Hongkong nur die Hälfte der anvisierten 100 Milliarden Dollar.

Eskalation vermeiden

Aber was könnte Peking im Handelsstreit überhaupt tun?

1. US-Dienstleistungen mit Zoll belegen

Millionen Chinesen reisen jährlich in die USA, nutzen US-Software und lassen sich von US-Kanzleien beraten. China könnte diesen Dienstleistungüberschuss von 40 Milliarden Dollar mit Strafzöllen belegen. Der praktische Nutzen wäre aber fragwürdig. Viele Chinesen haben Familie und Freunde in den USA, Hunderttausende studieren an US-Universitäten. Rechts- und Finanzdienstleistungen abzustrafen wäre ebenso wenig sinnvoll, sagt der Ökonom Hu Xingdou: "Viele chinesische Unternehmen sind ohne die Zusammenarbeit mit großen amerikanischen Wirtschaftsprüfungsfirmen international nicht handlungsfähig."

2. Dollarreserven verkaufen

China hortet US-Staatsanleihen im Wert von 1,2 Billionen Dollar. Wenn Peking seine Reserven verkauft, steigt in Amerika der Zinsdruck – eine glaubwürdige Drohung gegenüber den USA. Diese Macht ist aber trotzdem beschränkt. China ist zwar der größte Gläubiger der USA, der chinesische Anteil an Amerikas Gesamtschulden ist jedoch mit sieben Prozent vergleichsweise gering. Außerdem braucht Peking seine Dollars: als Wertanlage und zum Schutz gegen eine Yuan-Inflation.

3. Seltene Erden verknappen

China fördert mehr als 80 Prozent der sogenannten Seltenen Erden. Diese Spezialrohstoffe sind unersetzlich für Handys, Festplatten, Batterien und Laser. Drosselt China die Ausfuhr in die USA, könnten Waffenproduzenten oder Hersteller von Gesundheitstechnik getroffen werden. Aber mit welchem Ziel? "Trump will unsere Exporte einschränken. Wir würden ihm damit sogar dabei helfen", sagt Yu Miaojie, Vizedirektor des Zentrums für Wirtschaftsforschung an der Universität Peking.

4. Boykott amerikanischer Waren

Von jeher ein beliebtes Mittel in der chinesischen Handelskriegsführung: der Boykottaufruf ans Volk. Das gab es schon mal 2012 im Streit mit Japan um die Diaoyu-Inseln und 2017 im Konflikt mit Südkorea um ein amerikanisches Raketenabwehrsystem. In Umfragen erklärt sich eine Mehrheit der Chinesen zu einem Boykott von US-Produkten bereit. Das Geschäftsvolumen von US-Firmen in China übersteigt jedoch jenes japanischer oder südkoreanischer Unternehmen um ein Vielfaches. Und Firmen wie Apple oder McDonald’s schaffen Hunderttausende Jobs in China, einheimische Zulieferer und Geschäftspartner würden in Mitleidenschaft gezogen.

5. Bürokratie für US-Firmen erschweren

Kürzlich hielten chinesische Zollbeamte einen Container mit amerikanischen Kirschen eine Woche lang fest, bis die Kirschen verdarben. Autoimporteure berichten von mehr willkürlichen Grenzkontrollen. Chinesische Behörden könnten künftig Genehmigungsverfahren für US-Firmen in die Länge ziehen und Firmenfusionen erschweren, zum Beispiel die zwischen dem US-Halbleiterhersteller Qualcomm und dem niederländischen Chip-Produzenten NXP. Die Chinesen bestimmen hier mit, weil beide Unternehmen in dem Riesenland tätig sind. Auf Dauer würde so etwas Chinas Image als protektionistischem Regelbrecher aber weiter verschlechtern.

6. Yuan-Kurs auf Talfahrt schicken

Könnte China als Gegenwehr einen Währungskrieg starten? Am vergangenen Freitag beschuldigte Donald Trump China auf Twitter, die Führung lasse den Yuan fallen "wie einen Stein". Seit April hat der Yuan gegenüber dem Dollar tatsächlich sieben Prozent an Wert verloren. Teilweise geht das auf Verunsicherung an den Märkten zurück, aber auch die Zentralbank hat seit Beginn des Handelskriegs eingegriffen. Die Wirkung ist freilich kompliziert. Kurzfristig unterstützt ein billigerer Yuan Chinas Exporte, weil die Produkte dadurch im Ausland billiger werden. Gleichzeitig steigen aber Importpreise für Rohstoffe und Hightech-Produkte – Vorleistungen für viele Exportgüter. Andere asiatische Staaten könnten sich China zum Vorbild nehmen und auch versuchen, ihre Währungen zu drücken – die Gefahr einer Asienkrise wüchse.

Fazit: Bis auf Nummer 5 wäre keiner der Schachzüge effektiv, und selbst damit würde China sich am Ende sogar selbst schaden. Deshalb will Xi Jinping wohl eine Eskalation vermeiden und darauf warten, dass die Amerikaner an den Verhandlungstisch zurückkehren. Vielleicht unter dem Druck der Trump-Wähler – die den Handelskrieg bald im eigenen Geldbeutel spüren.

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