Nur die Cafeteria steht noch, sonst haben sie fast alles abgerissen. Das Schulgebäude mit den kaputten Klos ist weg. Das Büro von Mr. Cobb, in dem er uns damals mit dem Holzbrett schlug, gibt es nicht mehr. Die Turnhalle, in der wir Jungs getrennt von den Mädchen sitzen mussten, damit ja niemand schwanger wurde, ist auch verschwunden. Von der High School in Oxford, Alabama, wie ich sie kannte, ist kaum etwas geblieben.

An ihrer Stelle steht heute ein dreistöckiger Betonklotz mit kleinen Fenstern, das Dach stützen römische Säulen. Es ist kurz vor zwei Uhr mittags, die siebte Stunde endet gleich. Auf dem Parkplatz warten die gelben Schulbusse, die es schon früher gab. Der Asphalt flimmert. Dann schwingen die Türen auf, und heraus kommen die Schüler in die Mittagshitze, sie tragen ihre Bücher vor der Brust, wie wir damals. Ich habe erst nicht begriffen, warum wir nicht einfach Rucksäcke mitnehmen durften, wie zu Hause in Deutschland. Bis ein Freund mir erklärte: Die Schulleitung wolle sichergehen, dass niemand eine Waffe einschmuggelt.

Zehn Jahre ist das jetzt her. Ich war 16, und ich wollte raus aus dem Münsterland, weg aus meinem katholischen Gymnasium. Als ich die Bewerbungsunterlagen für das Schuljahr in den USA ausfüllte, dachte ich an Florida oder New York. In dem Brief, der mir ein paar Wochen später das Ziel meiner Reise mitteilte, stand: Oxford, Alabama.

Als ich an meinem ersten Tag im Sommer 2008 in den gelben Schulbus stieg, sagte mir Ms. Short, die Busfahrerin: "Setz dich ganz zu mir nach vorn, Süßer." Sie zeigte auf den Doppelsitz gleich hinter sich, und ich tat, was sie sagte. Wir fuhren los. Hinein in ein Land, das alle schon kennen. Aus den Nachrichten, dem Schulunterricht, dem Urlaub mit Mietwagen in Kalifornien. Ich dachte auch, ich weiß schon alles. Bis ich im Bus hinter Ms. Short saß und mir klar wurde, dass ich keine Ahnung hatte. Und die anderen auch nicht.

Oxford liegt an der Interstate 20, einer der größten Drogenrouten im Südosten der USA. Es gibt nur wenige anständige Jobs, jeder fünfte Einwohner lebt in Armut. Kaum sonst irgendwo im Land ist der Bildungsgrad geringer, die Zahl der Gewalttaten höher, die Religiosität extremer. Bei der letzten Präsidentschaftswahl stimmten 69 Prozent der Wahlberechtigten hier für Donald Trump.

Das liberale, urbane Amerika schaut auf die Menschen in dieser Gegend und sieht Rassisten, Asoziale, Abschaum. Für mich waren sie ein Jahr lang Nachbarn, Mitschüler und Freunde. Über Facebook bin ich seitdem mit ihnen verbunden. Wie durch ein Fenster schaue ich so zu, was in Oxford geschieht und wie es den Leuten ergeht, mit denen ich damals im Bus zur Schule gefahren bin.

Während meine Freunde in Deutschland eine Ausbildung anfingen oder ihr Studium aufnahmen, tauchten auf Facebook Fahndungsfotos meiner Bekannten aus Oxford auf, sie wurden gesucht wegen eines Raubüberfalls oder Diebstahls. Jessica postet Babybilder, gerade hat sie, mit 27, das dritte Kind vom zweiten Mann bekommen. Megean teilt das Foto ihres Schlüsselbundes, daran ein weißer Plastikanhänger, auf dem "Clean seit neun Monaten" steht. Robert* postet gar nichts mehr, auf seiner Pinnwand schreibt ab und zu noch jemand "R. I. P.", Ruhe in Frieden.

Knapp zehn Jahre nach meinem ersten Schultag an der Oxford High School bin ich noch einmal nach Alabama gereist und habe mich auf die Suche nach meinen alten Mitschülern gemacht.