Die Zahl der Imker in der Stadt wächst rasant: 300 waren es noch im Jahr 2010, heute sind es mehr als 1000. Vor allem junge Leute interessieren sich für das Hobby, buchen Einsteigerkurse bei den Imkervereinen und teilen Fotos ihrer Arbeit im Netz. Der Imkerbund spricht von einem Boom. Doch wie schmeckt der Hamburger Honig? Wir haben fünf Gläser getestet, zusammen mit Stephan Iblher, der selbst an zwölf Standorten in der Stadt imkert und sagt: "Jede Gegend hat ihr eigenes Aroma."

Hamburger Frühlingsblüte

Blumig und frisch schmeckt dieser Honig, nach Rosen und Veilchen, auch Trockenfrüchte schwingen mit. Und er enthält mäßig viel Säure, verströmt ein warmes Haselnuss-Aroma. "Sehr solide und harmonisch, etwas flach", sagt Stephan Iblher. Nur dass der Honig gerührt wurde, also nicht fest ist und keine Zuckerkristalle aufweist, die so schön auf der Zunge reiben, stört den Fachmann ein wenig.

Die "Hamburger Frühlingsblüte" stammt vom Dach des East-Hotels in St. Pauli, wo Michael Bauer seine Bienenstöcke aufgestellt hat. Früher war er Grafiker in einem Verlag, nach seiner Kündigung kaufte er ein Haus im Alten Land, baute sich seine eigene Imkerei auf.

Sieben Jahre vergingen, bis er vom Honig leben konnte. Inzwischen ist er Herr über 70 Bienenvölker.

Mit seinen Wanderbienen wechselt Bauer den Standort, zieht bis nach Fehmarn, drei bis fünf Ernten sind jährlich drin.

Seine Stadtbienen müssen nicht so weit raus. Zweimal pro Jahr kann der Imker den Honig vom Hoteldach ernten, der als milder Frühjahrs- oder als kräftiger Sommerblütenhonig auf dem Frühstückstisch der Gäste landet.

Bienenhonig vom Harburger Rathausdach

Goldgelb schimmert dieser Honig im Glas, die Konsistenz ist dickflüssig und sämig. Als Stephan Iblher den Löffel aus dem Glas nimmt, bilden sich lange Fäden. Der Geruch: gebrannter Zucker. Der Geschmack: sehr süß, sehr buttrig. Iblher sagt, der Honig "spiele im Mund", das heißt, immer neue Nuancen entfalten sich. Nach einer Weile kommt eine pflanzlich-herbe Note durch, die Rätsel aufgibt: Schmecken wir hier eine "Wiese nach Regen" oder doch das "zerriebene Blatt"? "Nein, dieser Honig schmeckt nach Tee, ganz sicher", sagt Iblher.

Dieser Honig stammt vom Dach des Harburger Rathauses, wo zahlreiche Lindenbäume die Straßen säumen. Auch das Drüsige Springkraut wächst hier, das zwar heimische Pflanzenarten unterdrückt und von Naturschützern nicht gern gesehen ist, den Bienen aber "schön viel Nektar liefert", wie Imker Peter Hornberger sagt.

Früher war der 66-Jährige Professor für Maschinenbau, seit fünf Jahren ist er im Ruhestand und kümmert sich um seine vier Völker auf dem Behördendach, weil ihn die "Symbiose aus Mensch, Heide, Biene" so fasziniert.

Patrioten Honig

Auch dieser Honig stammt aus der Frühjahrsernte. Im Aroma überwiegt eine starke Zitrusnote, dazu Apfel und Schwarze Johannisbeere. Die Frische konkurriert mit blumigen Eindrücken von Rose und Hyazinthe, im Abgang ist eine starke Säure zu spüren. "Sehr kräftig, gefällt mir", sagt Stephan Iblher.

Der "Patrioten Honig" kommt aus dem Herzen der Stadt, vom Dach der Patriotischen Gesellschaft. Seit 2012 kümmert sich Imker Georg Petrausch hier um vier bis sechs Bienenvölker. Petrausch ist der Pionier unter den Hamburger Stadtimkern: Seit über 30 Jahren hält er Bienen auf dem Dach des Kulturzentrums Motte in Ottensen.

Der Ausblick vom Flachdach reicht bis zum Hafen. Besonders viel blüht hier nicht. Doch das macht nichts, die Bienen fliegen in einem Radius von drei Kilometern um das Dach herum, erreichen auch die Linden am Alsterufer, den Bismarckpark und Planten un Blomen.

Hier zeigt sich, warum die städtischen Dächer ideal für Bienen sind: Die luftigen Standorte ermöglichen es ihnen, besonders trockenen Honig zu produzieren. Und ein geringer Wasseranteil gilt als Qualitätsmerkmal.

100 % Organic Honig Frühtracht

Ein leichter Käseduft steigt auf, mehr Gouda als Harzer, etwas streng, aber nicht unangenehm. Der intensive Geruch verfliegt schnell, auf der Zunge breitet sich eine samtige Butternote aus, dazu ein Hauch von Karamell und Rose. "Muffig-warm", sagt Stephan Iblher. Und meint das nicht abwertend. Gerade die Käsenote sei ein Pluspunkt, die Würze verleihe das gewisse Etwas. Gäbe es in diesem Test eine Rangliste: Dieser Honig wäre der Sieger. Ausgerechnet, könnte man sagen. Schließlich wurde er an einem Ort produziert, an dem man nicht eben summende Bienenschwärme vermuten würde: auf einer Wiese neben dem Hamburger Flughafen, 500 Meter von der nächsten Startbahn entfernt. 220.000 Bienen leben dort. Sie produzieren Honig, der an Kunden und Partner verschenkt wird, und sie sind Detektive, fliegende Messgeräte: Wäre die Luft durch die Flugzeuge belastet, fänden sich auch im Honig Spuren von Schadstoffen. Also wird der Honig jedes Jahr vom Institut für Bienenkunde in Celle auf Immissionen, Chemikalien und Schwermetalle getestet. Bisher gab es bei allen Tests grünes Licht. Der Honig ist sauber.

There Is A Bee On The Roof

Dieser Honig stammt vom Dach des Bezirksamts in Eimsbüttel. Er ist auffallend hell und flüssig, schmeckt sehr süß, fein und mild. Doch beim Öffnen des schicken Glases verzieht Iblher erst mal die Nase. Er riecht: Korken. Nicht alles, was edel aussieht, duftet auch so.

Geerntet und abgefüllt wurde er von fünf jungen Männern: Jean-Baptiste und Paul Gros, Benjamin Puech, Sebastian Domaingue und Thomas Canton, alle zwischen 28 und 33 Jahren alt. Anfang 2017 stellten sie die ersten Bienenstöcke in der Nachbarschaft auf.

Inzwischen imkern sie auf drei Dächern, etwa auf dem des Institut Français.

Das Imkern passt zum Lebensstil. "Wir leben bewusst, verzichten aufs Auto und wollen Menschen für die lokale Lebensmittelproduktion sensibilisieren."

Ihr Bienen-Wissen haben sie sich mit YouTube-Videos angeeignet, Tipps gab auch ein befreundeter Imker. So professionell das Marketing auch daherkommt, Gewinn zu machen sei kein Ziel, sagt Jean-Baptiste. Der Honig werde nicht einzeln im Glas verkauft, sondern nur Cafés mit nachhaltigem Konzept angeboten, der Preis immer wieder neu ausgehandelt.