Was dieser Sommer wohl mit den Migranten in Deutschland macht, mit den alten und den neuen?

Kleine Bestandsaufnahme einer Atmosphäre, deren Härtegrad mit dem Rücktritt Mesut Özils aus der Nationalmannschaft ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat: Eine der ersten Amtshandlungen des Innenministers war es, zu versichern, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Das geht besonders leicht, wenn sich weit und breit kein Muslim findet – etwa unter Kabinettskollegen. Schwerer ist es da, gleichzeitig von den Muslimen Loyalität einzufordern.

In Dresden skandierten Bürger bei einer Versammlung von Pegida "Absaufen! Absaufen!" im Chor. Sie meinten das Schiff Mission Lifeline, das voller Geflüchteter tagelang im Mittelmeer herumirrte.

Dagegen wirken die Heimschick-Fantasien, die viele Deutschstämmige in Bezug auf türkeistämmige Mitbürger nach der türkischen Präsidentenwahl hatten, fast harmlos. Ebenso wie die Empörung des ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck über mangelnde Deutschkenntnisse bei Migranten, die wiederum viele fließend Deutsch sprechende Migrantenkinder als verletzend empfanden.

Wenn ein Migrant wie Özil plötzlich Macht hat und sie ausübt – dann ist er raus

Es wird wohl erst einmal so weitergehen. Denn bald erscheint das neue Buch von Thilo Sarrazin. Einst prägte er die Bezeichnung "Kopftuchmädchen" für deutsche Staatsbürgerinnen mit Kopfbedeckung. Mittlerweile ist es still um ihn geworden, aber das macht nichts, denn "Kopftuchmädchen" haben es dank der AfD bereits in Bundestagsreden geschafft. Da ist die Aufregung darüber, dass ein Vertreter dieser Partei eine deutsche Ministerin in Anatolien "entsorgen" wollte und die Zeit des Nationalsozialismus für einen "Vogelschiss" hält, schon fast vergessen. Dies ist kein guter Sommer für Deutschland.

Die Atmosphäre anderswo (auch da gibt es Probleme): In Kanada ist der Verteidigungsminister ein Sikh und sieht auch so aus. Nach rassistischen Angriffen auf einen Spieler stellt sich die schwedische Nationalmannschaft geschlossen hinter den angegriffenen Teamkollegen. Bei uns scheint das derzeit unvorstellbar. Was ist nur passiert? Waren wir nicht schon weiter mit der Integration – und zwar aller?

Gefühlt jedenfalls ja. Aber nun machen die Migranten nicht mehr so recht, was sie sollen, das erzeugt Wut. Die einen steigen in Boote und kommen einfach her, weil sie leben (oder nur überleben) wollen. Die anderen, die schon länger da sind, halten sich nicht an die unausgesprochene Zielvereinbarung, dass sie die besseren Deutschen werden sollten: Einser-Abi, Studium, super Job, Steuern ehrlich entrichten, zwei Kinder maximal. Fleißig und erfolgreich sollen sie sein, damit man sie vorzeigen kann. Der Migrant sollte immer mit einem unerschütterlichen Bekenntnis zu den westlichen Werten in der Tasche herumlaufen, dazu gehört auch ein sicherer Auftritt gegenüber autoritären Regenten. Über Rassismus beschwert er sich nie. Und das Wichtigste: Seine Religion sollte er so ausüben, dass sie nicht stört, am besten unsichtbar. Aber bitte auch nicht in Hinterhofmoscheen, wo viel Übles passiert. Also unsichtbar und transparent, eine Art Woodstock-Islam wäre schön. Ewige Dankbarkeit und Loyalität gegenüber Deutschland müssen wohl nicht eigens erwähnt werden.

Der Migrant ist eine immerwährende Projektionsfläche, er soll jener Superdeutsche sein, welcher der Deutschdeutsche nicht ist und nie war. Und wenn er nicht brav ist, sondern plötzlich selber Macht hat und auch ausübt, wie Özil, dann spricht man ihm das Deutschsein ganz schnell wieder ab. Dann ist er raus.

Egal, wie man zu Özils konkreter Handlung steht: Dieser Vorgang dürfte auch alle anderen "neuen Deutschen" beunruhigen, ganz gleich, wo sie gesellschaftlich oder politisch stehen. Jedenfalls wenn das völkische Denken, wie es von Teilen der AfD und deren Anhängerschaft propagiert wird, weiter voranschreitet. Dann hat keiner von den Neuen hier einen Platz. Dann gibt es keine guten oder schlechten Migranten – alle sind sie Ausländer. Darüber sollte sich jeder Bürger, der dieser Partei seine Stimme gibt, im Klaren sein. Und sich die Frage stellen, wer wohl nach den Ausländern dran ist.

Dieser Sommer ist kein guter für die Integration in Deutschland. Hoffentlich kühlt der Herbst alle wieder etwas ab.

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