Der kambodschanische Badeort Sihanoukville am Golf von Thailand war einst ein Geheimtipp für junge Rucksacktouristen und Spät-Hippies. An den weiten Sandstränden verkauften lokale Händler Angkor-Bier und aufgeschlagene Kokosnüsse für ein paar Cent, gemütliche Guest Houses boten Zimmer unter 20 US-Dollar an. Jeden Abend war Party am Serendipity Beach.

Heute wühlen sich überall Bagger durchs Erdreich. Es entstehen luxuriöse Apartmentblocks und teure Hotels – vor allem aber Spielkasinos. Das Oriental Pearl und das New MGM gehören zu den neuesten, allein in den beiden vergangenen Jahren wurden 20 Etablissements für Roulette, Blackjack und Poker eröffnet. Aus der einst so verschlafenen Hafenstadt ist ein Spielerparadies geworden, auch Khmer-Las Vegas genannt.

Die neuen Herren der Stadt und ihre Gäste stammen fast ausschließlich aus der Volksrepublik China. Sie mögen keinen Kokosnusssaft, meiden die Billiglokale mit einheimischen Gerichten und fahren statt in Tuk-Tuks in gemieteten Limousinen. Sie kommen mit Chartermaschinen aus Peking oder Shanghai, 200.000 waren es im vergangenen Jahr – mehr als Sihanoukville Einwohner hat.

Kambodschanischen Staatsbürgern ist Glücksspiel per Gesetz verboten. Sie fühlen sich angesichts der Glitzerwelt als Fremde im eigenen Land. "Sihanoukville hat keine Chinatown, Sihanoukville ist eine Chinatown", sagt einer der letzten Budenbesitzer am Strand. Im Herbst will auch er aufgeben.

Pekings Machthaber bestimmen nicht nur im einzigen Tiefseehafen Kambodschas die Geschicke. Sie bauen neue Straßen, beispielsweise einen vierspurigen Highway von der Küste in die Hauptstadt Phnom Penh. Sie legen Eisenbahnschienen im Westen und planen Wasserkraftwerke im Osten des Landes. Sie vergrößern den Flughafen von Siem Reap, dem Tor zu den weltberühmten Tempeln von Angkor. Schon zehn chinesische Städte verfügen über direkte, von der KP-Führung bezuschusste Flugverbindungen nach Siem Reap. Die Volksrepublik dominiert in Kambodscha an allen Fronten – inzwischen stammt mehr als ein Drittel aller Direktinvestitionen von dort. Peking kauft riesige Reisplantagen auf, bewirtschaftet sie mit eigenen Fachleuten. Peking liefert auch Waffen, allein 2017 mehr als hundert moderne Panzer und Truppentransporter.

Kambodscha ist dabei, eine Art moderne Kolonie Chinas zu werden. Die Abhängigkeit zeigt sich auch darin, dass Kambodscha Chinas völkerrechtlich höchst zweifelhafte Ansprüche auf die Paracelsus- und Spratly-Inseln unterstützt – und sich dabei gegen seine asiatischen Nachbarn, gegen die EU und die USA stellt.

Dem starken Mann des Landes, der für diesen Kurs verantwortlich ist, darf man gleichwohl nicht damit kommen: "Wer mich beschuldigt, zu nahe an China herangerückt zu sein, dem möchte ich sagen: Der Westen hat mir gar nichts angeboten! Ihr habt mich nur verflucht, mir Vorschriften gemacht, mich mit Sanktionen bedroht!", ruft der Ministerpräsident in Stung Treng, einer Kleinstadt im Nordosten des Landes zornig aus. Aber dann strahlt er gleich wieder, den festlichen Termin hier am Mekong will er sich nicht verderben lassen. Er hat gerade eine 57 Millionen Dollar teure Brücke eingeweiht, finanziert natürlich von Peking, und er spaziert Hand in Hand mit dem chinesischen Botschafter über das neue Viadukt. Für China ist dies ein weiterer Baustein des gigantischen 900-Milliarden-Dollar-Projekts "Neue Seidenstraße", das mit seinen Investitionen von Piräus bis Pakistan, von Samarkand bis Somalia reicht.

Es ist Wahlkampfzeit, am 29. Juli bestimmen die Kambodschaner ein neues Parlament. Hun Sen arbeitet fieberhaft daran, dass es wieder einen Erdrutschsieg für seine Volkspartei geben wird. Er tourt durch Städte und Dörfer, eröffnet eine Schule nach der anderen, die seinen Namen trägt, spendet für Klöster und Krankenhäuser: gütiger Vater der Nation. Aber wer ihn kritisiert, muss mit Repressalien rechnen. Die größte Oppositionspartei hat er im November 2017 verboten, ihren Führer unter fadenscheinigen Vorwürfen des "Landesverrats" ins Gefängnis werfen lassen. Demonstranten wurden auf offener Straße erschossen, Täter unbekannt. Und auch die unabhängige Cambodia Daily musste schließen. "Unser Land befindet sich auf dem Weg von der Autokratie in die Diktatur", titelte die Zeitung in ihrer letzten Ausgabe.