Jakob Augstein, Journalist, Anteilseigner des Spiegels, Herausgeber des Freitags, Kolumnist auf Spiegel online, ist, wie inzwischen jeder weiß, der Sohn des Schriftstellers Martin Walser und nicht, wie ursprünglich angenommen, der Sohn des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein. Im Jahr 2009, damals war Rudolf Augstein seit sieben Jahren tot, hat Jakob Augstein die wahre Vaterschaft öffentlich gemacht ("Ich kann Ihnen das gerne bestätigen") und wechselte damit von der bekanntesten schreibenden Familiendynastie des Landes in die zweitbekannteste. Danach ging verständlicherweise das große Rätselraten los, wer denn nun was zu welchem Zeitpunkt von dem spektakulären Vaterwechsel wusste. Der Sohn sagt, er habe von dem neuen Vater erst nach dem Tod des alten erfahren (im Jahr 2005). Vater Augstein soll immer schon alles gewusst haben. Vater Walser kann sich inzwischen an nichts Genaues mehr erinnern – ein ziemlich komplexer Abstammungskrimi.

Man hätte diesen Väterwirrwar schon lange wieder vergessen, wenn Sohn und neuer Vater nicht vor Kurzem ein gemeinsames Gesprächsbuch Das Leben wortwörtlich veröffentlich hätten. Tenor: Wir müssen uns endlich mal kennenlernen. Die größte Leerstelle in diesem gesprächigen Buch: das jahrzehntelange Schweigen der beiden prominenten Väter gegenüber dem nichtsahnenden Sohn.

Man könnte sagen, das gehe nun wirklich niemanden etwas an, ob in der Familienbibel steht: und "Martin zeugte Jakob" oder "und Rudolf zeugte Jakob". Doch gibt es jetzt ein kleines Buch, in dem die Schriftstellerin Gisela Stelly, die vierte Ehefrau Rudolf Augsteins und Mutter seines Sohnes Julian, im Schutz des Schlüsselromans die Frage aufwirft, aus welchem Grund die Eltern "den eigenen Kindern eine Komödie voll Lug und Trug vorgespielt" haben.

Die im Schlüsselroman angedeutete Antwort, die Eltern wollten "das Erbe ihres Sohnes nicht gefährden", ist eine ungeheuerliche Unterstellung. In der ZEIT (Nr. 45/2013) hat die Autorin vor einigen Jahren bereits geschrieben, Martin Walser habe dem Spiegel-Verleger "seinen leiblichen Sohn verschwiegen, bis zum Schluss". Da sich jedoch der eine nicht mehr äußern und der andere nicht mehr erinnern kann, wird das Publikum in dieser Vaterfehde auf dem Keitumer Friedhof, den Stelly zum Ort ihres literarischen Totengesprächs zwischen den Häusern Walser und Augstein gemacht hat, da gelassen, wo es in diesem Fall auch hingehört: auf den hinteren Rängen, wo man nicht genau erkennen kann, was vorn gespielt wird.

Ob der Streit um die doppelten Väter und das Spiegel-Erbe eine Fortsetzung außerhalb des kleinen Romans finden wird, in dem übrigens auch der verstorbene Fritz J. Raddatz noch im Jenseits eine tragende Rolle spielt, ist ungewiss. Dem stern sagte Gisela Stelly unlängst, Jakob Augstein, der vor der Ehe mit Rudolf Augstein zur Welt kam, wäre "gesetzlich gar nicht erbberechtigt gewesen", es gebe neue Aspekte, die "geklärt werden müssen". Auf dem windumtosten Gottesacker von Sylt, auf dem Rudolf Augstein und Fritz J. Raddatz begraben sind, geht der Totengesprächsstoff also noch lange nicht aus.

Gisela Stelly Augstein: Keitumer Gespräche
Westend Verlag, Frankfurt/M. 2018; 96 S., 16,– €