DIE ZEIT: Saarbrücken ist eines der wichtigsten Zentren für die Erforschung künstlicher Intelligenz auf der Welt. Wie erklären Sie einem Laien, welche Durchbrüche im Saarland erzielt wurden?

Wolfgang Wahlster: Der jüngste Trend, den wir setzen, ist die Team-Robotik. Da geht es um Gruppen von Robotern, die mit Facharbeitern im Team zusammenarbeiten. Wir erforschen das bei und mit Volkswagen und Airbus.

ZEIT: Und was haben Sie schon erreicht?

Wahlster: Unsere Forscher haben in der Sprachtechnologie große Fortschritte erzielt. Nicht zufällig waren führende Leute bei Google Translate ehemalige Mitarbeiter von uns am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. Und Sebastian Thrun, der Entwicklungsleiter des autonom fahrenden Google-Autos, hat ebenfalls seine erste KI-Vorlesung bei mir gehört. Unsere Erkenntnisse, wie man automatisch den Inhalt von Videos erkennt, werden heute von YouTube genutzt. Der dort für die Software zuständige Mann? War auch von meinem Lehrstuhl in Saarbrücken.

ZEIT: Warum gehen Ihre besten Leute in die USA?

Wahlster: Die Mehrzahl bleibt zum Glück hier. Aus unserem Institut, dem DFKI, sind 80 deutsche Unternehmen hervorgegangen, kleine und größere. Wir haben mehrere Hundert Projekte mit der deutschen Industrie verwirklicht, und in vielen Produkten steckt unsere KI-Software. Nur reden wir darüber nicht so laut wie die Amerikaner.

ZEIT: Na ja. Die großen Sprünge in der KI-Anwendung sah man zuletzt in US-Konzernen. Das Google-Auto sprachen Sie bereits an.

Wahlster: Die Forschung in den USA wurde aber auch immer wieder zurückgeworfen, weil die US-Konzerne den Moden folgend ihre Abteilungen aufblähten und zerschlugen. Wir hingegen wachsen kontinuierlich seit 30 Jahren – und stets in enger Zusammenarbeit mit der Industrie. Das DFKI ist eine gemeinnützige GmbH und hat heute 19 Anteilseigner aus der Industrie, unter ihnen SAP, die Telekom, Intel und Bosch. Zuletzt haben wir die Unternehmensberatung Accenture gewonnen.

ZEIT: Wie sieht die Zusammenarbeit konkret aus?

Wahlster: Wir erforschen neue KI-Algorithmen und überlegen, für welche Branche sie interessant sein könnten – und dann suchen wir uns einen Industriepartner. Darüber hinaus bauen die deutschen Automobilkonzerne und deren Zulieferer aber auch ihre KI-Abteilungen aus.

ZEIT: Ist das nicht eher Panik von Nachzüglern?

Wahlster: Bosch, BMW, Daimler und VW haben mehr Patente in Sachen autonomes Fahren als Google und Tesla zusammen. Es gibt beispielsweise einen neuen Prototyp aus dem VW-Konzern, der überholt sogar autonom auf der Autobahn, ohne dass Sie als Fahrer eingreifen. Beim Tesla müssen Sie jedes Mal mit der Hand den Blinker setzen, bevor der Überholvorgang beginnt. So was ist doch kein autonomes Fahren! Tesla tut nur so.

ZEIT: Die deutsche Industrie ist aus Ihrer Sicht also viel weiter, als viele denken?

Wahlster: Ich weiß, dass das so ist! Die Märkte, auf denen Google und Facebook reüssieren, haben wir zwar verloren. Bei werbefinanzierten Plattformen, die vor allem personenbezogene Daten sammeln, holen wir auch nicht mehr auf. Aber Deutschland ist stark im Auto- und Maschinenbau, bei Werkzeug- und Landmaschinen, hochwertigen Haushaltsgeräten sowie in der Medizintechnik. Diese müssen wir stärken: Wir müssen künstliche Intelligenz in unsere Exportschlager injizieren. Wie gut die Aussichten dafür sind, sehen Sie auch daran, dass der amerikanische Landmaschinenhersteller John Deere sein europäisches Entwicklungszentrum ganz in der Nähe des DFKI in Kaiserslautern angesiedelt hat und bei uns Gesellschafter ist.