Zwei Loser verbünden sich zum Winning Team. Was im Sport zu Kopfschütteln führen würde, soll bei Erforschung und Entwicklung künstlicher Intelligenz (KI) jetzt zum Erfolgsmodell werden: Deutschland und Frankreich wollen sich gemeinsam zum führenden Standort entwickeln. Das steht so fast wortgleich in der KI-Strategie des französischen Präsidenten Macron und im Eckpunktepapier, das die Bundesregierung in der vergangenen Woche präsentiert hat. Bis Herbst will Berlin einen "Masterplan künstliche Intelligenz" vorlegen – und in dem dürfte es um Technologieförderung zumindest im hohen dreistelligen Millionenbereich gehen.

Tatsächlich waren beide Länder einst führend in der IT. Den ersten Computer konstruierte Konrad Zuse 1941 in Deutschland. Frankreich betrieb Anfang der 1980er-Jahre, fast ein Jahrzehnt vor der Geburtsstunde des WWW, das erste interaktive Datennetz auf sogenannten Minitels. Sogar Online-Banking war damit möglich.

Doch das ist lange her, und alle Versuche, die IT-Forschung beider Länder staatlich zu bündeln, sind seitdem krachend gescheitert. Etwa das Unterfangen, Google europäische Konkurrenz zu machen. Jacques Chirac und Gerhard Schröder hatten das Projekt 2005 stolz präsentiert. Quaero hieß es. Das sagt Ihnen nichts? Kein Wunder, die 250 Millionen Euro teure Suchmaschine hat nie wirklich funktioniert. Vor fünf Jahren wurde das Vorhaben still und heimlich begraben.

Ein deutsch-französisches Zentrum für KI soll es jetzt richten. In Frankreich ist zumindest klar, wer es betreiben wird. Auf der deutschen Seite ist bisher völlig offen, wer Partner werden soll, wie viel Geld er dafür bekommt und wo das Zentrum angesiedelt wird. In Berlin weiß man noch nicht einmal, wer bei der Entscheidung den Hut auf hat: eines der Ministerien für digitale Infrastruktur, Wirtschaft oder Forschung? Oder doch eher das Bundeskanzleramt?

Das größte Fragezeichen steht aber hinter dem Ziel. Mit welcher Idee will man den KI-Großmächten in den USA und Ostasien eigentlich Konkurrenz machen? In den USA treibt das Militär die Entwicklung zu großen Teilen voran, Japan und Südkorea setzen auf Unterhaltungselektronik, China produziert die Hardware und will mittels KI den perfekten Überwachungsstaat errichten. Auf all diesen Feldern ist Europa längst abgehängt.

Die deutsch-französische Kooperation muss ihre Chance also anderswo suchen. Wir wäre es mit einer KI, die human und umweltfreundlich ist, die zu den demokratischen Werten offener Gesellschaften passt, die Privatsphäre achtet, für Transparenz und Fairness sorgt? Gibt’s doch gar nicht? Eben! Hier kann Europa Weltmarktführer werden, und nirgendwo sonst als in den beiden Industrienationen sind die Voraussetzungen dafür besser. Wenn zwei Loser zum Winning Team werden wollen, dann müssen sie die Sportart wechseln.