Der norwegische Forscher Alex Obach war kurz davor, die Antwort auf ein großes Problem zu finden, schon lange hatte er sich mit den Fischschwärmen in den Ozeanen beschäftigt, mit den Preisen für Lachsfilets auf den internationalen Märkten und den Routen der Fischkutter, da rief er noch einmal eine gute Bekannte in Spanien an. Er brauchte Gewissheit, dass sein Plan aufgehen würde. Die Bekannte, eine Ernährungswissenschaftlerin im Zoo von Barcelona, sagte den entscheidenden Satz: "Auch Löwen können zu Vegetariern werden." Löwen, die in Afrika Gazellen reißen, verwandeln sich in Tofu-Tiere? "Ich versichere dir: Die Löwen bleiben danach trotzdem wilde Tiere und werden nicht zu Häschen", erwiderte die Freundin am anderen Ende der Telefonleitung, und Alex Obach war sich nun ganz sicher: Was bei Löwen hinhaut, das muss auch bei Lachsen klappen. Die Lachse in den Fischfarmen, das war Obachs Plan, sollen umerzogen werden. Sie sind zwar Raubfische, sollen aber aufhören, das Übliche zu fressen, zu Pellets gepresstes Trockenfutter aus Fischöl und Fischmehl. Sie sollen sich an pflanzliche Kost gewöhnen.

Die Idee hat sich durchgesetzt. Überall in Norwegens Lachsindustrie, der größten der Welt, ist man dabei, Raubfische zu Vegetariern zu machen. Das könnte eine erlösende Nachricht sein, für die Natur und für die Nahrungsindustrie. Niemand muss mehr gewaltige Mengen von Sardinen vor der südamerikanischen Küste wegfangen, sie zu Fischfutter verarbeiten und es nach Norwegen fahren, wo in gigantischen Mengen Zuchtlachse gemästet werden, um den Bedarf von Supermärkten, Restaurants und Hotels in ganz Europa zu decken. Niemand muss sich noch um Klimaphänomene wie El Niño scheren, durch die Meeresströmungen verändert und Milliarden kleiner Fische vernichtet werden, die am Ende der Lachsindustrie fehlen. Niemand muss mehr lästige Bedenken der Umweltschützer ernst nehmen. Pflanzen – und das könnte die Pointe sein – sind die Rettung für Menschen, die immer mehr Fisch essen, weil sie auf das Fleisch von Schweinen, Rindern und Hühnern verzichten wollen. Lachse, die vegetarisch ernährt werden, bieten einen Notausgang aus einem Dilemma: Wer unbedingt auf Fleisch verzichten will, aber nicht immer auf Fisch, bekommt den bestmöglichen Kompromiss serviert.

Die grüne Nahrung der Lachse ist perfekt, um einen globalen Kreislauf in Bewegung zu halten: immer mehr Lachse, immer mehr Futter für Lachse, immer mehr Käufer, immer mehr Profit. Denn die pflanzliche Kost ist auch preiswerter als tierische Nahrung. Niemand muss auf Lachs verzichten, niemand noch die Ernährungsgewohnheiten der westlichen Welt in Zweifel ziehen. Alex Obach, der Forschungschef der Fischfutterfirma Skretting, hat bloß an hungrige Lachse gedacht und darüber eine Formel des wirtschaftlichen Wachstums entdeckt: den vegetarischen Kapitalismus.

Es ist kein Zufall, dass Lachse dabei eine große Rolle spielen. Sie sind begehrte Konsumgüter der Wohlstandsgesellschaft, in Deutschland die beliebtesten Speisefische. Einerseits. Andererseits sind sie Parabeln auf den Zustand der Erde. Ein Lachs, der in Kanada von einem Bären aus einem kristallklaren Bach gefischt wird, hat zwar nur noch wenige Sekunden zu leben, aber er lässt auch einen Menschheitstraum wahr werden – die Versöhnung mit der geschundenen Natur. Wer vor Augen hat, wie sich ein wild lebender Lachs, auf der Schwanzflosse tänzelnd, einen Wasserfall emporarbeitet, der sieht darin einen Beweis, dass die Erde noch nicht am Ende ist. Es ist das beeindruckende Schauspiel eines Fisches, in dem der Mensch, wenn er denn will, eine Botschaft lesen kann: Es gibt sie noch, die unbezwingbare Schönheit der Wildnis.

Wer ein Schweineschnitzel isst, der muss sich vorwerfen lassen, die Massentierhaltung zu fördern und Tierquälerei hinzunehmen. Wer ein Lachsfilet verspeist, der beruhigt sich gern mit dem Gefühl, auf der richtigen Seite der Zivilisation zu stehen, der Seite der Moral. Aber gibt es das heute überhaupt noch, Essen mit Moral?

Wie viel sich verändert hat, erkennt man daran, dass der Forscher Alex Obach von seinem Büro aus keinen unverbauten Blick mehr auf den Fjord hat. Er schaut inzwischen auf ein hohes Silo. Dort wird das Soja gelagert, das aus Südamerika zur Fabrik in Norwegen geliefert wird, wo 33 Tonnen Fischfutter hergestellt werden, nicht am Tag, sondern in der Stunde. Drei dieser Fabriken betreibt die Firma Skretting allein in Norwegen. Hinzu kommen Werke in Chile, Kanada, Australien, auf der halben Welt. Und es gibt viele weitere Großfabriken anderer Konzerne. Menschen in 140 Ländern werden von norwegischen Fischfarmen mit Lachs versorgt, 14 Millionen Mahlzeiten täglich. In Deutschland isst eine vierköpfige Familie durchschnittlich 90 Lachsfilets im Jahr, fast doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Lachse sind zu einem Maßstab dafür geworden, wie weit es der vegetarische Kapitalismus gebracht hat. Wo hört er wohl auf, vor allem aber: Wo fängt er an?