Unsere Töchter sind Halbamerikanerinnen, und im Sommer verwandeln sie sich in Ganzamerikanerinnen. Ihre Ferien verbringen sie an einem See in den Wäldern eine gute Stunde nördlich von Manhattan. Sie schwimmen, spielen viel im Wasser und werden schnell tiefbraun. Sie ernähren sich von Gegrilltem, haben "playdates" mit anderen Kindern, fahren gern zu dem riesigen Supermarkt in der Kreisstadt und zum Dollar Store gleich daneben. Ihre Sprache nimmt die Färbung der Region an, und am Seeufer geben ihnen Studenten Schwimmunterricht.

Die Familien in der Gegend sind in der Regel konservativ, um es mal vorsichtig zu sagen. Manche Eltern schulen ihre Kinder auch zu Hause, vor allem solche, die einer evangelikalen Kirche angehören. Sie mögen es nicht so, wenn der Staat sich um ihren Nachwuchs kümmert. Einmal die Woche treffen sich die Kinder von Gleichgesinnten dann in der Kirche oder anderswo zum gemeinsamen Lernen, einige Eltern sind dann als Lehrer aktiv. Ansonsten besuchen sie sich gern gegenseitig, und wenn sie erst mal das Abitur haben, versuchen viele von ihnen auf eigene evangelikale Colleges zu gehen. Trotzdem sind sie durchaus offen für die zweisprachigen Kinder aus Deutschland und nehmen sie gern in ihrer Mitte auf.

Wenn die dortigen Familien an den See kommen, bringen sie ganz viel Gepäck mit, Sonnenstühle und Liegen, Kühlboxen und Spielsachen. Und beim großen Sommerfest veranstalten sie Froschhüpf-Wettbewerbe, bauen Sandfiguren und wetteifern um das am besten verkleidete Kleinkind, während auf dem Grill das Fleisch für die Hamburger bräunt.

Es ist ein Amerika, das so gut wie keine Demokraten wählt, aber auch nicht etwa gemein und ausgrenzend ist, wie man sich das bei Donald Trump so vorstellt. Sie schaffen lokalen Zusammenhalt, setzen auf Nachbarschaftshilfe und Anständigkeit.

Es ist jedenfalls ein Amerika wie Apfelkuchen und Baseball, in dem die Kinder noch voller Eifer Limonade an ihrem eigenen, selbst gebauten Stand verkaufen. Und als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, machen unsere Kinder das auch.

Sie bringen dann einen Plastiktisch oben an die Seestraße, bequeme Klappstühle und ihr selbst gebasteltes Schild, auf dem "Homemade Lemonade 50 Cents" steht. Die Limonade produzieren sie entweder mit frischen Zitronen, Zucker, Wasser und Eis selbst, oder sie nehmen einen sehr guten Mix aus einem Laden. Und dann geht es los.

Dabei wird kein Marketingmittel ausgelassen. Die Mädchen sind überaus freundlich zu ihren Kunden. Sie scheuen sich auch nicht, um Mitleid zu heischen, wenn sie lange nichts verkauft haben. Die Kleine setzt bei Bedarf ihr süßestes Kindergesicht auf. Aber sie nutzen auch den Nachbarschaftsvorteil. Leute aus der Gegend, die sie kennen, haben so gut wie keine Chance, wenn sie vorbeikommen: Sie kaufen, und sie bezahlen in der Regel mehr als verlangt. Das gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen des Sees.