© Petra Bahr

Na, dann wollen wir mal sehen, was für die horrenden Kirchensteuern so geboten wird", sagt der Bauch und schiebt sich durchs Gedränge der letzten Reihe. Das kann ja heiter werden, denke ich und reiche dem Mann einen Liederzettel. Es wird heiter, was vielleicht daran liegt, dass die Kirchenkuppel der freie Himmel ist. Ein Windstoß fährt in den Talar der Pastorin auf der Bühne, der Organist, der sonst im Dunkel über dem Portal die Orgel spielt, tanzt mit den Fingern übers E-Piano, dass es der Gemeinde in den Füßen juckt. Oder ist das nur der Sand? Ein ganz normaler Gottesdienst zur Ferienzeit, heute auf der Promenade mit Blick aufs Meer, das bewegungslos verharrt. Der Gesang verfliegt, aber das macht nichts, denn wären alle in einer Kirche, wäre die proppenvoll, an einem ganz normalen Sonntag nach Trinitatis.

Inselgemeinden sind in den Ferienmonaten groß und wechseln stetig. Keine leichte, aber eine schöne Herausforderung, sagt die Inselpastorin. Sonntags sitzen hier anspruchsvolle Kirchenvorstände und Leute wie mein Nachbar, die kommen, weil sie neugierig sind oder sonntags noch nichts anderes geboten wird oder weil sie zufällig vorbeigekommen sind, mit Kind und Hund und Kegel. Wir singen. Mein Nachbar grummelt und raschelt umständlich mit dem Zettel. "Kenn ich", sagt er zu sich selbst wie überrascht. Dann singt auch er. Und wie. Sehe ich in seinem Lächeln einen kleinen Triumph? Ha, ich passe doch hierhin. Vor der Predigt grunzt er. "Open-Air-Gottesdienste haben den Vorteil, dass man gehen kann, wenn es nicht gefällt." Er bleibt. Wie die ganz Frommen und die Skeptiker, die Feriengewohnheitschristen und die, die aus innerer Not gekommen sind, mit einer vagen Sehnsucht am Boden der Strandtasche.

Auch die, die nie eine Kirche betreten würden, sind hier. Gottesdienste am Meer haben ihre eigene Anziehung. Sie sprechen für sich. Vielleicht ist es der Horizont, der hinter dem Altar aufscheint. Die Augen werden von dieser Linie angezogen, ein Gleichnis. Gott ist da wie die feine Linie, da wo Himmel und Erde sich treffen. Sieht man meistens nicht, anfassen kann man ihn sowieso nicht, abschreiten wollen ihn nur Kinder. Aber ohne würde man komplett den Halt verlieren. Es gäbe kein "Kleiner und Größer" und keine Orientierung, die Folge wäre ein Schwindel. Der Nachbar ist immer noch da. Er guckt ins Weite.