Seit einigen Jahren soll sich an der deutschen Nationalmannschaft ernsthaft zeigen, wie herrlich weit es die Deutschen mit ihrer Weltoffenheit gebracht haben, spielen in ihr doch endlich so viele junge Männer mit Migrationshintergrund – und das lange Zeit auch noch so schön, so leicht und erfolgreich. Und weil alles, was diese Mannschaft tut oder lässt, sinnbildlich ist, zeigte die Schmach bei der Weltmeisterschaft in Russland dann gleich ein ganzes Land im Krisenmodus.

Den Höhepunkt des Dramas aber setzte Mesut Özil, der sich vor der WM mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan fotografieren ließ und zu dem Foto beharrlich schwieg. Am Sonntag erklärte er sich schließlich doch. Aber leider so gar nicht sommermärchenhaft versöhnlich und wunschgemäß zerknirscht, sondern in drei länglichen Passagen, in denen er gegen den DFB, gegen Sponsoren, gegen die Medien austeilte, Rassismusvorwürfe inklusive, und seinen, zumindest vorübergehenden, Rücktritt von der Nationalmannschaft bekannt gab.

Wer begreifen will, was in den vergangenen Wochen in der Causa Özil eigentlich passiert ist, was hier so himmelschreiend schiefgelaufen ist, muss einen Blick in Mesut Özils Autobiografie Die Magie des Spiels werfen. Sie erschien vor gut einem Jahr und wurde erstaunlich wenig beachtet.

Weltklasse: Seine Bundesliga-Karriere begann Özil bei Schalke 04. 2013 wechselte er, hier bei einer Wohltätig­keitsaktion, zu Arsenal London. Ein Jahr später wurde er Weltmeister. © Getty Images

Özil erinnert sich darin an seine Kindheit im Gelsenkirchener Stadtteil Bulmke-Hüllen, an das beengte Wohnen der sechsköpfigen Familie: die zwei Töchter schlafen in dem einen Zimmer, die zwei Jungs in dem anderen, Privatsphäre hat niemand. Im Keller des verwahrlosten Mehrparteienhauses gibt es Ratten, und es riecht nach Urin. Dort steht sein Fahrrad, das muss er mit Ekel täglich herauf- und heruntertragen. Manche Wohnungen haben zerschlagene Fensterscheiben, die Haustür ist so verzogen, dass man sich mit Gewalt gegen sie stemmen muss, um sie zu öffnen. Aus Scham nennt der talentierte Junge dem Fahrdienst seines Vereins eine falsche Hausnummer und wartet immer an einer anderen Stelle der Straße, dort, wo es nicht ganz so heruntergekommen ist.

An der Biografie Özils zeigt sich das ganze Desaster deutscher Einwanderungspolitik. Die Großeltern waren Mitte der Sechzigerjahre aus Zonguldak an der Schwarzmeerküste gekommen, und noch drei Jahrzehnte später wachsen die Enkelkinder ausschließlich türkischsprachig auf. Erst in der Schule lernt Özil Deutsch, so wie man Deutsch lernt, wenn alle Mitschüler Türkisch mit einem sprechen und nur die Lehrer diese seltsame Landessprache.

Die Mutter ist Putzfrau. Sie putzt in zwei Schichten, von sieben Uhr morgens bis 16 Uhr und noch einmal für drei Stunden am Abend. Der Vater ist Arbeiter in einer Lederfabrik. Die Kinder sollen es einmal besser haben – dieser so schlichte und harmlos daherkommende Satz verdeckt ja immer den Druck, das schlechte Gewissen, die Opferbereitschaft, die Hingabe, den Frust, die Peinlichkeit der Herkunft, kurzum: die ganzen seelischen Querelen, die mit der Zuwanderung einhergehen und die von außen nicht annähernd begriffen werden.

Özils Lieblingsort im Viertel ist der Affenkäfig. So nennen die türkischen und libanesischen Jungs den Ascheplatz, auf dem sie Fußball spielen, ihren Familien für Stunden entrinnen und sie von einer großen Karriere als Fußballstars träumen. Man muss sich Özils irren Aufstieg aus diesen Verhältnissen deutlich vor Augen führen. Dann erschrickt man vielleicht doch vor dem einen oder anderen Statement, das derzeit mit einiger Brutalität fällt, wie das des Bundesaußenministers Heiko Maas, der nicht glaubt, "dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs Auskunft gibt über die Integrationsfähigkeit in Deutschland".

Mit 17 Jahren ist Özil zum zweiten Mal in seinem Leben in der Türkei. Er stellt sich an die Meeresküste seiner Vorfahren, atmet tief ein und versucht ratlos, irgendwelche Heimatgefühle zu empfinden. Mit 18 Jahren gibt er seinen türkischen Pass ab, um für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen. Die Mutter ist dagegen, er dürfe nicht seine Wurzeln kappen. Der Vater ist dafür, sein Sohn sei doch hier geboren und aufgewachsen. Die Schwester findet: Die Trikots der Türken seien schöner.