Wie eine Flipperkugel

Seit einigen Jahren soll sich an der deutschen Nationalmannschaft ernsthaft zeigen, wie herrlich weit es die Deutschen mit ihrer Weltoffenheit gebracht haben, spielen in ihr doch endlich so viele junge Männer mit Migrationshintergrund – und das lange Zeit auch noch so schön, so leicht und erfolgreich. Und weil alles, was diese Mannschaft tut oder lässt, sinnbildlich ist, zeigte die Schmach bei der Weltmeisterschaft in Russland dann gleich ein ganzes Land im Krisenmodus.

Den Höhepunkt des Dramas aber setzte Mesut Özil, der sich vor der WM mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan fotografieren ließ und zu dem Foto beharrlich schwieg. Am Sonntag erklärte er sich schließlich doch. Aber leider so gar nicht sommermärchenhaft versöhnlich und wunschgemäß zerknirscht, sondern in drei länglichen Passagen, in denen er gegen den DFB, gegen Sponsoren, gegen die Medien austeilte, Rassismusvorwürfe inklusive, und seinen, zumindest vorübergehenden, Rücktritt von der Nationalmannschaft bekannt gab.

Wer begreifen will, was in den vergangenen Wochen in der Causa Özil eigentlich passiert ist, was hier so himmelschreiend schiefgelaufen ist, muss einen Blick in Mesut Özils Autobiografie Die Magie des Spiels werfen. Sie erschien vor gut einem Jahr und wurde erstaunlich wenig beachtet.

Özil erinnert sich darin an seine Kindheit im Gelsenkirchener Stadtteil Bulmke-Hüllen, an das beengte Wohnen der sechsköpfigen Familie: die zwei Töchter schlafen in dem einen Zimmer, die zwei Jungs in dem anderen, Privatsphäre hat niemand. Im Keller des verwahrlosten Mehrparteienhauses gibt es Ratten, und es riecht nach Urin. Dort steht sein Fahrrad, das muss er mit Ekel täglich herauf- und heruntertragen. Manche Wohnungen haben zerschlagene Fensterscheiben, die Haustür ist so verzogen, dass man sich mit Gewalt gegen sie stemmen muss, um sie zu öffnen. Aus Scham nennt der talentierte Junge dem Fahrdienst seines Vereins eine falsche Hausnummer und wartet immer an einer anderen Stelle der Straße, dort, wo es nicht ganz so heruntergekommen ist.

An der Biografie Özils zeigt sich das ganze Desaster deutscher Einwanderungspolitik. Die Großeltern waren Mitte der Sechzigerjahre aus Zonguldak an der Schwarzmeerküste gekommen, und noch drei Jahrzehnte später wachsen die Enkelkinder ausschließlich türkischsprachig auf. Erst in der Schule lernt Özil Deutsch, so wie man Deutsch lernt, wenn alle Mitschüler Türkisch mit einem sprechen und nur die Lehrer diese seltsame Landessprache.

Die Mutter ist Putzfrau. Sie putzt in zwei Schichten, von sieben Uhr morgens bis 16 Uhr und noch einmal für drei Stunden am Abend. Der Vater ist Arbeiter in einer Lederfabrik. Die Kinder sollen es einmal besser haben – dieser so schlichte und harmlos daherkommende Satz verdeckt ja immer den Druck, das schlechte Gewissen, die Opferbereitschaft, die Hingabe, den Frust, die Peinlichkeit der Herkunft, kurzum: die ganzen seelischen Querelen, die mit der Zuwanderung einhergehen und die von außen nicht annähernd begriffen werden.

Özils Lieblingsort im Viertel ist der Affenkäfig. So nennen die türkischen und libanesischen Jungs den Ascheplatz, auf dem sie Fußball spielen, ihren Familien für Stunden entrinnen und sie von einer großen Karriere als Fußballstars träumen. Man muss sich Özils irren Aufstieg aus diesen Verhältnissen deutlich vor Augen führen. Dann erschrickt man vielleicht doch vor dem einen oder anderen Statement, das derzeit mit einiger Brutalität fällt, wie das des Bundesaußenministers Heiko Maas, der nicht glaubt, "dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs Auskunft gibt über die Integrationsfähigkeit in Deutschland".

Mit 17 Jahren ist Özil zum zweiten Mal in seinem Leben in der Türkei. Er stellt sich an die Meeresküste seiner Vorfahren, atmet tief ein und versucht ratlos, irgendwelche Heimatgefühle zu empfinden. Mit 18 Jahren gibt er seinen türkischen Pass ab, um für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen. Die Mutter ist dagegen, er dürfe nicht seine Wurzeln kappen. Der Vater ist dafür, sein Sohn sei doch hier geboren und aufgewachsen. Die Schwester findet: Die Trikots der Türken seien schöner.

Botschafter eines heiteren Deutschlands

Die hybride Identität war Özil bis dahin selbstverständlich, nicht erklärungsbedürftig. Jetzt wird sie zum Problem. Der türkische Verband protestiert, Özil sei doch ihr Landsmann. Deutsche Politiker wiederum stilisieren Özil zum Vorbild für Migranten, er gilt als "Eisbrecher". Er kommt sich bald vor "wie eine Kugel, die von je einem türkischen und einem deutschen Flipper durch die Gegend katapultiert" wird.

Im Oktober 2010 spielt Özil in Berlin in der Qualifikation zur Europameisterschaft ausgerechnet gegen die Türkei. Es ist der Anlass für eine neue Runde der so schrecklich leidenschaftlich geführten deutschen Integrationsdebatten: Wie deutsch, wie türkisch ist Özil? Wie sehr repräsentiert er das neue, das bunte Deutschland? Jedes Mal, wenn er am Ball ist, wird er ausgepfiffen – von den angereisten Türken und jenen Deutschtürken, die sich mehr türkisch als deutsch fühlen. Und er schießt sogar noch ein Tor. Aber er jubelt nicht, "weil mein Herz deutsch schlägt und weil mein Herz türkisch schlägt". In der Umkleide wird er von einer kleinen Besuchergruppe überrascht, eine fröhliche Delegation der deutschen Willkommenskultur rückt an: Angela Merkel steht vor ihm und reicht ihm die Hand. Auch Christian Wulff ist mit seiner Tochter dabei.

Özil ist befangen: Man begegnet der mächtigsten Frau der Welt doch nicht mit Badelatschen und freiem Oberkörper, sagt er sich. Ein Fotograf des Bundeskanzleramts macht das berühmte Bild mit Merkel, das dem Spieler noch heute unangenehm ist. Er hält sich darauf schützend ein Handtuch vor den Oberkörper. Es ist übrigens der Tag, an dem er zum ersten Mal auf Recep Tayyip Erdoğan trifft, der das Spiel zusammen mit der Kanzlerin verfolgt hatte.

Man kann auch zum Zwecke der Weltoffenheit und Toleranz instrumentalisiert werden – so wie es allen Spielern mit Migrationshintergrund seit dem Sommermärchen 2006 mehr oder weniger geschieht, die immer ganz besonders wertvolle Botschafter eines heiteren Deutschlands zu sein haben, die also ausgerechnet als Zuwandererkinder dazu auserkoren und verdammt sind, das historisch belastete Selbstbild der Nation für die Einheimischen aufzuhellen. Ein ziemlich anmaßender, fehladressierter Anspruch.

Der schweigsame Özil löste ihn auf dem Platz ein, durch ein vollkommen undeutsches Spiel, durch Schönheit, durch renaissancehafte Eleganz, durch "Pässe, die eher aus dem Nichts zu kommen scheinen als aus der epischen Tiefe des Raums" (Hans Ulrich Gumbrecht). Nicht das Aufbäumen, nicht der zähe Kampf, der verschwitzte Widerstand mit blutigem Kopfverband gegen die Übermacht des Gegners zeichnen sein Spiel aus, sondern das gewinnbringende, das mühelose wie flüchtige Abspiel, an das sich kurz darauf niemand mehr erinnert, auch wenn es zum Abschluss führte.

Mesut Özil erzählt in seiner Autobiografie ziemlich offenherzig, wie wenig er sich mit der gut gemeinten, aber penetranten politischen Vereinnahmung anfreunden konnte. Und mit der jahrelangen Dauer-Identitätsbefragung durch die Medien auch nicht. Es war ihm lästig, zu erklären, warum er als Muslim in Mekka war, warum er die deutsche Nationalhymne nicht mitsingt, ob er sich nun eher als Deutscher oder als Türke fühlt. Dieser standardisierte, fantasiearme Fragenkatalog, der ihm andauernd vorgesetzt wurde, weil er eben nicht Müller oder Maier heißt, nervte ihn, und so wird es ihn schrecklich genervt haben, bitte schön zu erklären, warum es zu diesem unglücklichen Foto mit ihm und Erdoğan, dem türkischen Präsidenten, kam. Ein Foto, von dem über sehr lange Wochen partout nicht abgelassen werden konnte.

Die Öffentlichkeit verzeiht Wortkargheit in Krisensituationen eben nicht, und all die Fußballexperten der Nation warfen dem DFB vor, irgendwie schlechte Kommunikationsarbeit zu leisten. Aber was sollte schon kommuniziert werden, wenn der Spieler, um den alles kreist, so gar nicht kommuniziert? Der Vorwurf schlechter Öffentlichkeitsarbeit bleibt auch aus anderem Grund befremdlich. Als sei der Konflikt durch besonders geschicktes Sprechen irgendwelcher Offizieller aufzulösen gewesen. Der Widerspruch, in den man hineingeschlittert war, war doch von besonderer Raffinesse.

"Ist es so, weil ich ein Muslim bin?"

Aus der deutschen Geschichte speisen sich zwei robuste Affekte, die miteinander in Konflikt gerieten: der Abscheu vor jedem autokratischen Herrschaftsgebaren und die romantische Verklärung des Migranten. Im Schweigen Özils wurde diese Aporie auf den Punkt gebracht. Der Russlanddeutsche, der Putin nicht von tiefstem Herzen verachtet, der Deutschtürke, der Erdoğan nicht hasst, der Deutschpole, der die regierende PiS-Partei nicht kritisiert – das ist eben die größtmögliche Provokation des deutschen Integrationswunschdenkens.

Der Migrant muss sich schon den negativen Gründungsmythos zu eigen machen, die Abgrenzung zum NS-Horror, das lupenreine Engagement für Demokratie und Rechtsstaat, die Reeducation, die sich die Deutschen doch selbst über Jahrzehnte so tapfer auferlegt haben. Dass mancher Migrant – schon weil es die Familiengeschichte nicht recht hergibt – nicht in gleichem Ausmaß staatsbürgerlich sensibilisiert ist, erweist sich als schwerer Affront, als ein Fall von Undankbarkeit. Wenn es heute einen identitätsstiftenden Kern der Deutschen gibt, dann ist es die vorbildliche, unbedingt exportwürdige Gesinnung. Klar, es gibt bestimmt Schlimmeres, was man über ein Land sagen kann.

Die Mutter kommt im ersten der drei Tweets Özils zu seiner am Sonntag auf Englisch veröffentlichten Erklärung gleich zweimal vor. Sie habe ihn "nie den Blick auf meine Ahnen, mein Erbe und meine Familientraditionen verlieren lassen. Ein Foto mit Präsident Erdoğan zu machen hatte für mich nichts mit Politik oder Wahlen zu tun, es geschah aus Respekt vor dem höchsten Amt des Landes meiner Familie."

Ob der Autokrat Erdoğan, der Zehntausende seiner Gegner in den Knast steckte, nach Maßgabe des Grundgesetzes und deutscher Gemütsverfassung respektwürdig ist – auf diese naheliegende Frage wird gar nicht erst eingegangen. Es ist zwar glaubhaft, dass sich Özil, der Erdoğan damals nicht zum ersten Mal traf, der Tragweite der Begegnung nicht recht bewusst war. Dass das Foto aber rein gar nichts mit Politik zu tun gehabt haben soll, bleibt eine absurde Behauptung. Es war so politisch wie einst Merkels multikulturelle Charmeoffensive in der Umkleide.

Natürlich gehören Starrsinn, Verhärtung und eine gute Portion Interpretationsbereitschaft dazu, die Kritik, die ihm vom Fußballverband und in den Medien entgegenschlug, rassistisch zu deuten, wie es Özil tat, der meint, als Deutscher wahrgenommen zu werden, wenn er gewinnt, und als Immigrant, wenn er verliert. "Gibt es Kriterien", fragt er sich, "ein vollwertiger Deutscher zu sein, die ich nicht erfülle? Meine Freunde Lukas Podolski und Miroslav Klose werden nie als Deutsch-Polen bezeichnet, also warum bin ich Deutsch-Türke? Ist es so, weil es die Türkei ist? Ist es so, weil ich ein Muslim bin? Ich denke, hier handelt es sich um eine wichtige Sache. Indem man als Deutsch-Türke bezeichnet wird, werden Menschen bereits unterschieden, die Familie in mehr als einem Land besitzen. Ich wurde in Deutschland geboren und ausgebildet, also warum akzeptieren die Leute nicht, dass ich Deutscher bin?"

Es fehlte nicht an jenen, die diese Sätze sogleich als Weinerlichkeit oder als perfide Kommunikationsstrategie begriffen. Wer (wie der Autor dieses Artikels) in einem Migrationsviertel aufgewachsen ist, weiß aber doch sehr genau, worauf sie anspielen: auf die feine, zumeist unausgesprochene, allerdings wirksame Hierarchisierung der Migrationsgruppen in der alten Bundesrepublik. Auf den Umstand, dass die kulturelle und ethnische Differenz der Türken stärker hervorstach als die der christlichen und hinreichend blonden Osteuropäer. Auf die nicht einmal besonders bewusst betriebene zuwanderungsfeindliche Aussortierung der Türken im dreigliedrigen Schulsystem. Auf die kuriose, noch bis vor wenigen Jahren ernsthaft vertretene Annahme, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei. Auf die schlichte Tatsache, dass in den Achtziger-, noch Neunzigerjahren so gut wie niemand auf die Idee gekommen wäre, einen türkischstämmigen Jungen als deutschen zu begreifen.

Das ganz große Wundern darüber, dass manche Einwandererkinder Erdoğan nicht spontan als Gottseibeiuns begreifen, ist nicht zwingend plausibel. Missbilligen muss man es, verstehen darf man es aber auch.

Es ist natürlich kein Zufall, dass Özils Erklärung auf Englisch ist, nicht auf Deutsch und nicht auf Türkisch. Das Spiel mit den deutsch-türkischen Flippern ist vorbei. Die Özil-Kugel ist fürs Erste im globalisierten Nirgendwo gelandet. Gewiss wird Erdoğan auch weiterhin versuchen, nach ihr zu greifen. Er hat doch ein ziemliches Talent dafür, die fragilen Identitäten der Türkischstämmigen für seine Zwecke zu gebrauchen.

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