Die hybride Identität war Özil bis dahin selbstverständlich, nicht erklärungsbedürftig. Jetzt wird sie zum Problem. Der türkische Verband protestiert, Özil sei doch ihr Landsmann. Deutsche Politiker wiederum stilisieren Özil zum Vorbild für Migranten, er gilt als "Eisbrecher". Er kommt sich bald vor "wie eine Kugel, die von je einem türkischen und einem deutschen Flipper durch die Gegend katapultiert" wird.

Im Oktober 2010 spielt Özil in Berlin in der Qualifikation zur Europameisterschaft ausgerechnet gegen die Türkei. Es ist der Anlass für eine neue Runde der so schrecklich leidenschaftlich geführten deutschen Integrationsdebatten: Wie deutsch, wie türkisch ist Özil? Wie sehr repräsentiert er das neue, das bunte Deutschland? Jedes Mal, wenn er am Ball ist, wird er ausgepfiffen – von den angereisten Türken und jenen Deutschtürken, die sich mehr türkisch als deutsch fühlen. Und er schießt sogar noch ein Tor. Aber er jubelt nicht, "weil mein Herz deutsch schlägt und weil mein Herz türkisch schlägt". In der Umkleide wird er von einer kleinen Besuchergruppe überrascht, eine fröhliche Delegation der deutschen Willkommenskultur rückt an: Angela Merkel steht vor ihm und reicht ihm die Hand. Auch Christian Wulff ist mit seiner Tochter dabei.

Özil ist befangen: Man begegnet der mächtigsten Frau der Welt doch nicht mit Badelatschen und freiem Oberkörper, sagt er sich. Ein Fotograf des Bundeskanzleramts macht das berühmte Bild mit Merkel, das dem Spieler noch heute unangenehm ist. Er hält sich darauf schützend ein Handtuch vor den Oberkörper. Es ist übrigens der Tag, an dem er zum ersten Mal auf Recep Tayyip Erdoğan trifft, der das Spiel zusammen mit der Kanzlerin verfolgt hatte.

Man kann auch zum Zwecke der Weltoffenheit und Toleranz instrumentalisiert werden – so wie es allen Spielern mit Migrationshintergrund seit dem Sommermärchen 2006 mehr oder weniger geschieht, die immer ganz besonders wertvolle Botschafter eines heiteren Deutschlands zu sein haben, die also ausgerechnet als Zuwandererkinder dazu auserkoren und verdammt sind, das historisch belastete Selbstbild der Nation für die Einheimischen aufzuhellen. Ein ziemlich anmaßender, fehladressierter Anspruch.

Der schweigsame Özil löste ihn auf dem Platz ein, durch ein vollkommen undeutsches Spiel, durch Schönheit, durch renaissancehafte Eleganz, durch "Pässe, die eher aus dem Nichts zu kommen scheinen als aus der epischen Tiefe des Raums" (Hans Ulrich Gumbrecht). Nicht das Aufbäumen, nicht der zähe Kampf, der verschwitzte Widerstand mit blutigem Kopfverband gegen die Übermacht des Gegners zeichnen sein Spiel aus, sondern das gewinnbringende, das mühelose wie flüchtige Abspiel, an das sich kurz darauf niemand mehr erinnert, auch wenn es zum Abschluss führte.

Mesut Özil erzählt in seiner Autobiografie ziemlich offenherzig, wie wenig er sich mit der gut gemeinten, aber penetranten politischen Vereinnahmung anfreunden konnte. Und mit der jahrelangen Dauer-Identitätsbefragung durch die Medien auch nicht. Es war ihm lästig, zu erklären, warum er als Muslim in Mekka war, warum er die deutsche Nationalhymne nicht mitsingt, ob er sich nun eher als Deutscher oder als Türke fühlt. Dieser standardisierte, fantasiearme Fragenkatalog, der ihm andauernd vorgesetzt wurde, weil er eben nicht Müller oder Maier heißt, nervte ihn, und so wird es ihn schrecklich genervt haben, bitte schön zu erklären, warum es zu diesem unglücklichen Foto mit ihm und Erdoğan, dem türkischen Präsidenten, kam. Ein Foto, von dem über sehr lange Wochen partout nicht abgelassen werden konnte.

Die Öffentlichkeit verzeiht Wortkargheit in Krisensituationen eben nicht, und all die Fußballexperten der Nation warfen dem DFB vor, irgendwie schlechte Kommunikationsarbeit zu leisten. Aber was sollte schon kommuniziert werden, wenn der Spieler, um den alles kreist, so gar nicht kommuniziert? Der Vorwurf schlechter Öffentlichkeitsarbeit bleibt auch aus anderem Grund befremdlich. Als sei der Konflikt durch besonders geschicktes Sprechen irgendwelcher Offizieller aufzulösen gewesen. Der Widerspruch, in den man hineingeschlittert war, war doch von besonderer Raffinesse.