Als Aldo noch sprechen konnte, machte er am liebsten ironische Bemerkungen.

Als Aldo noch essen konnte, aß er am liebsten Hühnchen in scharfer Soße.

Als Aldo noch laufen konnte, spielte er am liebsten Fußball, Innenverteidiger.

Aldo Gutiérrez, noch immer ein kräftiger junger Mann von 23 Jahren, liegt im Bett einer Klinik in Mexiko, er atmet durch ein Röhrchen, das aus seinem Hals ragt, er wird durch eine Sonde ernährt, die in seinem Bauch steckt. Er liegt dort, als würde er tief schlafen, nur ab und zu strömt ein letztes bisschen Leben durch seinen gelähmten Körper. Dann, wenn seine Augen sich einen Spalt öffnen, wenn seine Finger sich zu Fäusten ballen, wenn seine Muskeln zucken. Er kann nichts sehen, er kann nichts sagen, er kann sich nicht bewegen.

"Wie hast du geschlafen, Aldo? Hast du geträumt?", fragt Leonel Gutiérrez, sein großer Bruder, 15 Jahre älter als Aldo und doch fast identische Gesichtszüge: die schmale Stirn, die spitze Nase, die vollen Lippen, das breite Kinn. Eine Vorahnung, wie Aldo als Erwachsener hätte sein können, wenn sein Leben an diesem Abend vor fast vier Jahren nicht zerstört worden wäre.

Der große Bruder massiert Aldos Beine und Arme, er kämmt ihm die Haare, er cremt sein Gesicht ein. An den Schläfen verweilen seine Finger. "Schau mal", sagt Leonel, "hier sieht man die Narben und fühlt die Löcher in seinem Schädel." Die Löcher sind so groß, dass man – wäre dort nicht die dünne, vernarbte Haut – den kleinen Finger hineinstecken könnte. Aldo verkrampft, wenn man diese Stellen berührt. "Mag er gar nicht", sagt sein Bruder Leonel.

"Schädel-Hirn-Trauma durch Projektil einer Feuerwaffe. Durchschuss des Frontallappens", so steht es in Aldos Krankenakte. Der Frontallappen, der Teil des Gehirns gleich hinter der Stirn, steuert unsere Bewegung und gilt als Sitz unserer Persönlichkeit, dort, könnte man sagen, liegt der Charakter eines Menschen. Aldos Frontallappen wurde von einer Gewehrkugel durchlöchert. Von rechts ist sie in seinen Kopf geschossen. Mit solcher Wucht, dass sie links wieder rauskam.

Die Geschichte von Aldo führt auch nach Deutschland, zu einer schwäbischen Firma – und in einen Stuttgarter Gerichtssaal, in dem vier Manager und eine Sekretärin auf der Anklagebank sitzen.

Als Leonel Gutiérrez im Krankenzimmer von jenem Tag erzählt, der für seinen kleinen Bruder in einer Tragödie endete, atmet Aldo unregelmäßig durch sein Röhrchen. Leonel glaubt, dass sein kleiner Bruder mehr mitbekommt, als die Ärzte ihm zutrauen.

Es war der 26. September 2014, und Aldo, der gerade im ersten Semester auf Lehramt studiert, ist mit ein paar Dutzend Kommilitonen zu einem Ausflug aufgebrochen. Ihre Universität liegt in einem kleinen Ort im Bundesstaat Guerrero, und an diesem Tag fahren sie in die nahe gelegene Stadt Iguala, dort wollen sie am Busbahnhof Reisebusse kapern. Es ist ein altes Ritual an Aldos Universität, dass die Studenten Busse besetzen und sie ein paar Tage lang für ihre Zwecke benutzen, die Busfahrer kennen das, sie mögen es nicht, aber sie akzeptieren es.

Es ist schon dunkel, als Aldo und seine Freunde in einen Bus steigen und dem Fahrer befehlen, er solle sie zu ihrer Universität bringen. Was dann geschieht, ist eines der grausamsten Verbrechen, die in Mexiko in den vergangenen Jahren verübt wurden. Anhand von Zeugenaussagen, Videos und Ermittlungsakten wird es sich später rekonstruieren lassen.