Kurz nach dem Start fährt der Bus zufällig an einer Veranstaltung vorbei, die von der Frau des Bürgermeisters organisiert wird. Der Bürgermeister von Iguala, der mitbekommen hat, dass die Busse gekapert worden sind, fürchtet, dass die Studenten die Veranstaltung stören wollen. Er kann die Studenten dieser linken Uni nicht ausstehen, seit Jahren kritisieren sie ihn und werfen ihm vor, er habe Verbindungen zur Drogenmafia. Er befiehlt der Polizei, die Studenten aufzuhalten.

Es dauert nicht lange, bis der Bus, in dem Aldo sitzt, umringt ist von Sirenen und Blaulicht und bewaffneten Polizisten. Die Studenten steigen aus. Plötzlich hören sie Schüsse. "Gehen nur in die Luft", sagt einer. Doch dann liegt Aldo am Boden, Blut fließt aus seinem Kopf, es wird weiter geschossen. Einige der Studenten können flüchten, andere werden von der Polizei gefasst und mitgenommen. Eine halbe Stunde lang liegt Aldo in seinem Blut, bis ein Krankenwagen kommt, der ihn ins nächste Krankenhaus bringt.

43 seiner Kommilitonen werden in dieser Nacht verschwinden, es ist eine Nachricht, die um die Welt geht. Bis heute, fast vier Jahre später, ist nicht aufgeklärt, was aus ihnen geworden ist. Zum letzten Mal wurden sie gesehen, als Polizisten sie auf Pick-up-Trucks verluden. Nach eigenen Aussagen haben die Polizisten sie an Mitglieder eines Drogenkartells übergeben, die behaupten, die Studenten ermordet und auf einer Müllkippe verbrannt zu haben.

Am Morgen danach beschlagnahmt die mexikanische Staatsanwaltschaft alle Waffen der Polizeiwache von Iguala. Die Ermittlungen ziehen eine Verbindung zwischen den Polizisten, die in jener Nacht auf Aldo geschossen haben, und einem deutschen Unternehmen aus Oberndorf am Neckar. 38 der beschlagnahmten Waffen sind Sturmgewehre der Firma Heckler & Koch, Typ G36. Mit sieben dieser Gewehre, das werden Untersuchungen ergeben, wurde in jener Nacht geschossen. Am Tatort, an dem Aldo fast verblutet wäre, wurden Projektile sichergestellt, die aus genau diesen deutschen Waffen abgeschossen worden sind. Waffen, die nie in die mexikanische Provinz Guerrero hätten gelangen dürfen.

Knapp 10.000 Kilometer entfernt, in Saal 1 des Stuttgarter Landgerichts, wird in diesen Wochen die Frage verhandelt, wie das passieren konnte. Wer trägt die Verantwortung dafür, dass Waffen in den Händen korrupter Polizisten landen konnten?

Es ist der größte Prozess wegen mutmaßlich illegaler Waffenlieferungen in der Geschichte der Bundesrepublik – und wahrscheinlich auch der komplizierteste. Im Mai hat er begonnen, 25 Verhandlungstage soll er dauern, ein Ende ist für den 25. Oktober geplant.

Und es ist auch ein umstrittener Prozess. Weil keiner der Geschädigten, nicht Aldo Gutiérrez, nicht sein Bruder, nicht die Angehörigen der 43 Studenten, die Möglichkeit hat, als Nebenkläger aufzutreten. Und weil eine entscheidende Frage nicht verhandelt wird: Liegt die Verantwortung nur bei ehemaligen Mitarbeitern von Heckler & Koch? Oder auch beim deutschen Staat?

In Saal 1 sitzen fünf Angeklagte vor vier Richtern und drei Schöffen. Alle fünf sind ehemalige Angestellte von Heckler & Koch: eine Sekretärin, zwei Vertriebsleiter und zwei Geschäftsführer. Der Vorwurf: Sie sollen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen haben. Sollten sie schuldig gesprochen werden, drohen bis zu fünf Jahre Haft.

Die Staatsanwaltschaft wirft den meisten Angeklagten vor, "in den Jahren 2006 bis 2009 an 15 Lieferungen von Gewehren und Zubehörteilen nach Mexiko beteiligt gewesen zu sein, in mexikanische Bundesstaaten, die nicht von den deutschen Exportgenehmigungen umfasst waren".