Dass es die eine christliche Position zum Krieg nicht gibt, wird angesichts der Vielfalt der Kirchen in der Welt niemanden sonderlich wundern. Dass es eine Position der deutschen Kirchen nicht gibt, ist schon überraschender. Wirklich erstaunlich aber ist, dass sich in Deutschland nicht einmal eine katholische und eine evangelische Sicht der Dinge unterscheiden lassen – vielmehr hat die katholische Kirche eine Position und die evangelische mindestens zwei.

Die Bundeswehr ist an militärischen Einsätzen in 14 Ländern beteiligt, halb Europa diskutiert über ein größeres Maß an militärischer Selbstständigkeit und Unabhängigkeit von den USA. Deutschland käme dabei eine Führungsrolle zu. Eine wichtige moralische Instanz fällt als Teilnehmerin der Debatte aber nahezu aus, weil ihre Vordenker es nicht schaffen, sich untereinander zu verständigen.

Die katholische Sicht der Dinge ist jedenfalls in Umrissen schnell beschrieben: Es ist die klassische Lehre vom gerechten Krieg, der nur in Notwehr geführt werden darf, angesichts einer schwer wiegenden Bedrohung, ohne vernünftige Alternativen, auf verhältnismäßige Weise und zudem mit Aussicht auf Erfolg. Diese klassische Position hat der Ständige Rat der katholischen Deutschen Bischofskonferenz vor vier Jahren um ein zusätzliches Element ergänzt. Angesichts der Gräuel der Terrororganisation Islamischer Staat in Syrien und dem Irak greifen die Bischöfe die im internationalen Recht nur lose verankerte Lehre von der Schutzverantwortung auf: einer Pflicht zur militärischen Nothilfe für verfolgte Zivilisten angesichts schwerster Menschenrechtsverletzungen.

Wer in ähnlich knapper Form eine evangelische Position umreißen wollte, der müsste wohl sagen: Es gibt sie nicht.

Vor elf Jahren hat der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) nach Jahrzehnten ohne größere Debatte zu diesem Thema die Friedensdenkschrift "Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen" veröffentlicht. Das 130 Seiten starke Papier war als umfassende Positionsbestimmung konzipiert, warf aber mindestens so viele Fragen auf, wie es beantwortete.

Von der alten Lehre vom gerechten Krieg verabschiedete sich die EKD vollständig. In Zeiten der UN und des Völkerrechts sei diese Denkschule überholt, es gehe heute vielmehr darum, die Bedingungen eines gerechten Friedens zu bestimmen. Dieser wiederum sei nur durch eine enge Bindung aller militärischen Maßnahmen an das Recht zu erreichen, womit die Charta der Vereinten Nationen praktisch Teil der evangelischen Friedenslehre wurde, mitsamt dem Gewaltverbot – aber eben auch mit dem Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten souveräner Staaten.

Militärischer Beistand für Verfolgte war damit praktisch ausgeschlossen, selbst im Fall eines Rückfalls in die Despotie, wie die EKD ausdrücklich anmerkte. Um wenigstens den schwersten Verbrechen nicht hilflos zuschauen zu müssen – der Völkermord in Ruanda lag ja erst 13 Jahre zurück –, fügten die Autoren des Papiers dann doch noch eine Nothilferegelung ein, allerdings gekoppelt an eine strikte und in der Praxis kaum erfüllbare Bedingung: Ohne UN-Mandat geht gar nichts. Jede andere Intervention, so formulierten die Autoren der Denkschrift, begegne "schwersten Bedenken".

Nur konsequent, so gesehen, dass sich die Vertreter der evangelischen Kirchen zum Feldzug gegen die Terrormiliz Islamischer Staat überwiegend kritisch geäußert haben.