Der russische Schriftsteller Gaito Gasdanow lebte im Pariser Exil der Zwischenkriegszeit vom Taxifahren, wie es Generationen von politischen Flüchtlingen nach ihm getan haben oder noch heute tun. Der intellektuelle Taxifahrer mit Migrationshintergrund, seinen eingeborenen Fahrgästen meist geistig weit überlegen, ist nachgerade zu einem Klischeetypus geworden. Gasdanow war aber dabei, als der Typus entstand, er hat ihn unfreiwillig mitbegründet – er und all die anderen Russen, die vor den Bolschewiki nach Westeuropa geflohen waren und die historische Avantgarde des akademischen Proletariats bildeten, das heute aus Afrika, dem Iran und sonst woher stammt und in Deutschland auf genauso wenig Mitgefühl stößt wie im Paris der 1920er-Jahre.

Gasdanow fuhr vorzusgweise nachts, während er tagsüber die Romane zu schreiben begann, die derzeit bei uns mit großem Erfolg wiederentdeckt werden. Sie sind in unterschiedlichem Maße autobiografisch, zum Teil recht weitgehend (Ein Abend bei Claire, neu übersetzt 2014), aber wahrscheinlich niemals so nah am wirklichen Schicksal des Autors wie das Buch, das jetzt erschienen ist und den Titel Nächtliche Wege trägt. Es sind die Wege, die Gasdanow als Taxifahrer zurücklegt, vor Beginn der Schicht, während der Schicht und nach der Schicht. Da sein Leben darüber hinaus wenig enthielt, mit Ausnahme vielleicht der scheiternden Liebe zu besagter Claire, handelt es sich um eine nahezu erschöpfende Lebensbeichte.

Der Erzähler hat viel zu beichten und zu bereuen, obwohl er sich vordergründig ausschließlich mit dem beschäftigt, was andere seiner Meinung nach zu beichten und zu bereuen hätten – all die anderen in Paris gestrandeten Russen der weißen Emigration, all die anderen Gestrauchelten und Verlierer auch der französischen Gesellschaft, die Nutten, Zuhälter, Trinker, Obdachlosen, in Sonderheit die Spinner und Verrückten, von denen es ja heute noch in Paris wimmelt, als sei die Stadt eine soziale Zentrifuge, allein zu dem Zweck konstruiert, die geistig Umnachteten herauszusieben und an die sichtbare Oberfläche zu treiben.

Gasdanow ist ein Dichter der Verrückten von Paris, ähnlich wie das vor ihm Huysmans gewesen ist und nach ihm Houellebecq. Vordergründig ist es ein Buch des Ekels, der Verachtung und des Abscheus für die Gescheiterten und ihre traurigen Illusionen, keine drei Wörter kommen öfter vor als Verachtung, Abscheu und Ekel. Sonderbarerweise haben aber diese Menschen, die er von sich stößt und oft rücksichtslos beschimpft, das allergrößte Vertrauen zu ihm. Sie laufen ihm nach, sie schütten ihm das Herz aus, sie erhoffen ausgerechnet von ihm Hilfe in allen Lebenslagen. Überflüssig zu sagen, dass er ihnen nicht hilft, noch helfen kann, es schaudert ihn geradezu vor der Berührung der Schutzflehenden, aber – eines tut er doch für sie: Er hört ihnen zu.

Erzähltechnisch gesehen, besteht das Buch aus drei Schichten: Die erste bildet die empfindsame Schilderung seines Ekels – doch, es gibt eine Empfindsamkeit des Ekels, eine hoch subtile Witterung für das Widerwärtige, wie sie auch bei Huysmans und Houellebecq zu beobachten ist. Die zweite Schicht bilden die hässlichen Worte der Zurückweisung, die der Erzähler für die Hilfesuchenden findet – wirklich brutale, schockierend herzlose Worte. Die dritte Schicht aber besteht in dem, was die Zurückgewiesenen gleichwohl bei ihm vermuten – Weichherzigkeit und überströmendes, wenngleich hilfloses Mitleid. Der literarische und höchst irritierende Reiz des Buches rührt daher, dass diese Schichten – sie sind als Sprachebenen ebenso voneinander getrennt wie als Facetten des Charakters – an keiner Stelle miteinander vermittelt werden. Es bleibt dem Leser überlassen, sie zu verrechnen und durch Subtraktion und Addition eine Art Summe zu bilden, die am Ende wohl auf Selbsthass lautet, auf Ekel vor der eigenen Hilflosigkeit, auf Abscheu für die Gesten der Überlegenheit, mit denen er seine Hilflosigkeit zu camouflieren sucht, auf Verachtung für die Ähnlichkeit seines Schicksals mit dem Schicksal all der anderen.

Dieser neunmalkluge dichtende Taxifahrer, der nicht müde wird, sich über die kläglichen Illusionen seiner russischen Exilgenossen zu mokieren, hat sich am Ende die kläglichste aller Illusionen einzugestehen und zu beichten: die Illusion der eigenen Besonderheit und Überlegenheit. Denn dieses fabelhaft deprimierende und gründlich niederziehende Buch entzieht noch einer anderen Illusion den Halt: dass sich dem Leben immer, über alle Schicksalsschläge hinweg, ein sinnvolles Muster aufprägen ließe. Weit gefehlt! Das Exil jedenfalls ist kein Schicksalsschlag, von dem sich das Leben langsam wieder erholt. Es ist der Schlag, von dem an es nur immer weiter kontinuierlich abwärtsgeht.Von Ferne gesehen, scheint das für Gasdanows persönliches Schicksal nicht gegolten zu haben: Er fand nach Ende des Zweiten Weltkriegs in München eine gute Stelle bei Radio Free Europe, als Leiter des russischen Programms, und behielt sie bis zu seinem Tode 1971. Vielleicht auch wegen dieses scheinbaren Happy Ends im wirklichen Leben haben manche Kritiker gemeint, Nächtliche Wege schildere vor allem den politisch-moralisch-kulturellen Niedergang Frankreichs in der Zwischenkriegszeit. Das ist billiger Trost, der an vorsätzliche Irreführung des Lesers grenzt. Ohne im Geringsten den Verfall Frankreichs in der Zwischenkriegszeit bezweifeln zu wollen – er wird seine Reize gehabt haben –, ist leider festzustellen, dass am Ort hier nur wenig hängt. Für das Drama des Exils hätte Rio genauso gut gepasst (und tat es zum Beispiel im Falle von Stefan Zweig auch).

Haben wir überhaupt über die seelische Katastrophe einer endgültigen Emigration, die keine Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat lässt, schon hinreichend nachgedacht? Wahrscheinlich nicht, trotz all der Emigrantenschicksale des 20. Jahrhunderts, die uns vor Augen stehen, und keinesfalls genug, um die Menschen zu verstehen, die heute aus den Revolutions- und Kriegsgebieten der Welt wieder zu uns strömen. Gasdanows Buch, obwohl unzweifelhaft Hochliteratur, bietet dafür einen ersten Grundkurs.

Gaito Gasdanow: Nächtliche Wege
Aus dem Russischen von Christiane Körner, mit einem Nachwort von Christiane Körner; Hanser, München 2018; 288 S., 28,– €