In Emek Refaim, einem der eleganteren Viertel Jerusalems, lässt sich leicht ein angenehmer Nachmittag verbringen: Cafés und Boutiquen gehobener Preisklasse reihen sich aneinander, Hungrige haben die Wahl zwischen Sushi und belgischen Waffeln, Eukalyptusbäume spenden Schatten. Wer von dort aus Richtung Osten fährt, drei Kilometer nur, fühlt sich wie in einer anderen Stadt: Hier liegt Jabel Mukaber, ein arabisches Viertel mit schmalen Straßen ohne Bürgersteige, an deren Rändern sich Müll ablagert.

Nicht überall ist der Kontrast so drastisch, aber die Tendenz gilt für die ganze Stadt: Ostjerusalems arabische Viertel sind in einem sichtbar schlechteren Zustand als der jüdisch geprägte Westen. Vielerorts gibt es Probleme mit Abwasser und Müllabfuhr, es fehlen Klassenräume und Grünflächen.

Weshalb diese Kluft zwischen dem Osten und dem Westen einer Stadt, die israelische Politiker "vereinigt" nennen? Der gängige Vorwurf lautet: Nationale und kommunale Regierungen haben die arabischen Viertel jahrzehntelang vernachlässigt. Da ist etwas dran, nur gehört zur Wahrheit auch dies: Jerusalems palästinensische Bewohner haben keine Vertreter im Stadtrat, die für ihre Interessen kämpfen könnten. Denn seit Israel den Ostteil der Stadt 1967 von Jordanien eroberte, boykottieren die dort lebenden Palästinenser die Lokalwahlen aus Protest gegen die israelische Kontrolle. Ihre "Machtlosigkeit ist zumindest teilweise selbst verschuldet", schreibt Jonathan Cook, ein britischer – und propalästinensischer – Journalist.

Das könnte sich nun ändern. Ende Oktober stehen Wahlen für den Stadtrat an. Und unter den arabischen Bewohnern zeichnet sich ein Meinungsumschwung ab: 58 Prozent haben sich in einer Umfrage der Jerusalemer Hebräischen Universität für die Teilnahme an der Wahl ausgesprochen. Ihr Stimmengewicht ist enorm: Palästinensische Araber machen 37 Prozent der Stadtbevölkerung aus. Gingen die meisten von ihnen zur Wahl, könnten sie die politischen Verhältnisse im Stadtrat, seit Jahrzehnten von rechtskonservativen Parteien dominiert, gehörig durcheinanderwirbeln. Und die Umfrage, die in Israel viel Medienaufmerksamkeit erfährt, korreliert mit einem zweiten Novum: Erstmals seit 1967 tritt ein Palästinenser aus Ostjerusalem zur Wahl an.

Sein Name ist Ramadan Dabash, er ist 51 Jahre alt und Vorsitzender des Gemeinderats von Sur Baher, einem Ostjerusalemer Viertel mit 40.000 Einwohnern, unweit der neuen US-Botschaft. Er sitzt in seinem Büro im Gemeindezentrum, einem schlichten Raum im Untergeschoss mit zwei Holztischen, Sitzecke und Universitätsdiplomen an der Wand. Dabash, stämmig, Glatze, hellblaues Hemd, spricht fließendes Hebräisch mit einem leichten arabischen Akzent. "Die Bedürfnisse der Anwohner Ostjerusalems werden seit 51 Jahren vernachlässigt", legt er gleich los, "weil sie keinen Anführer haben, der sich für sie einsetzt." Dieser Anführer will er sein.

Dabash, der in Moldau in Ingenieurwesen promoviert hat, ist ein beschäftigter Mann: Er berät Firmen und lehrt an Fachhochschulen, zudem hat Dabash – "kein Geheimnis", wie er sagt – zwölf Kinder von vier Frauen: Polygamie ist in Israel zwar verboten, wird aber bei arabischen Muslimen von den Behörden meist geduldet.

Als gewählter Vorsitzender des Gemeinderats, ein Ehrenamt, das er seit vier Jahren ausübt, vermittelt Dabash zudem zwischen Anwohnern und Stadtrat, er kennt also beide Seiten gut.