Wenn er zu Bett ging, zog Padre Edwin nur die Schuhe aus. Jede Nacht sei er drei- oder viermal geweckt worden: von Verletzten, die Hilfe brauchten, von Medizinstudenten, die Alarm schlugen, von Menschen, die in seiner Kirche Zuflucht suchten. Einmal, während einer Schießerei, kroch der Padre auf allen vieren durch den Kugelhagel. Er sagt, er gebe sich große Mühe, keine Angst zu haben, aber in manchen Momenten überkomme ihn Panik. Edwin Román Calderón, 58, ist Priester in Nicaragua.

Seit drei Monaten herrscht im Land der Ausnahmezustand. Was mit Demonstrationen gegen eine Sozialreform begann, ist eskaliert zu blutigen Zusammenstößen. Hunderte Menschen sind gestorben, Tausende wurden verletzt. Die Regierung führt Krieg gegen ihre Gegener. Und die katholische Kirche, die angetreten war, um zwischen den Fronten zu schlichten, ist nun selbst unter Beschuss – im übertragenen wie im wahrsten Sinne des Wortes. Seit die Bischöfe Neuwahlen fordern, führt der Präsident Ortega auch Krieg gegen sie.

Das Gotteshaus, in dem Padre Edwin predigt, San Miguel, steht in Masaya, 30 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Managua. Der Ort galt einst als Hochburg der Sandinisten. Von Masaya aus, so sagt man, wurde in den Siebzigerjahren die Revolution gewonnen. Als auch hier im Mai die Menschen erstmals auf die Straße gingen und sich gegen die Regierung erhoben, schlug das Regime den Aufstand mit ausgesuchter Brutalität nieder.

"Es war Freitagabend, ich hatte schon meinen Pyjama an", erzählt Padre Edwin am Telefon, "da hörte ich Schreie auf der Straße." Es sei seine priesterliche Pflicht gewesen, den Verletzten die Tür zu öffnen und ihnen Wasser zu geben. Draußen tobten die Kämpfe bis zum Morgen. "Es war schrecklich."

San Miguel ist seit jener Nacht mehr als eine Kirche. Ein Auffanglager für Verletzte: Padre Edwin besorgte Medizin und koordinierte die Helfer per WhatsApp. Eine Anlaufstelle für Verfolgte: Padre Edwin gestattete Mitarbeitern einer Menschenrechtsorganisation, in seiner Kirche Anzeigen entgegenzunehmen. Eine Totenhalle: Hier bahrte man Leichen aus den Straßen auf, damit die Angehörigen sie finden. Rund 400 Menschen sind den landesweiten Kämpfen zum Opfer gefallen, meist Zivilisten. Menschenrechtler vermuten, dass es noch viel mehr sind. Dutzende sind verschwunden, Hunderte in Haft.

Warum? Als in Nicaragua Mitte der 1970er-Jahre der Aufstand gegen den Diktator Anastasio Somoza begann, ging Padre Edwin noch zur Schule. "Wie viele andere träumte ich von einem freien und gerechten Nicaragua", sagt er. Den späteren Priester verbindet eine besondere Geschichte mit den Revolutionären: Sein Großonkel war Augusto Cesar Sandino, der Freiheitskämpfer, nach dem sich die Frente Sandinista de Liberación Nacional (FSLN) benannte. Der heutige Präsident Daniel Ortega kämpfte als Guerillero in ihren Reihen. "Wie er protestierte damals auch ich gegen die Diktatur. Aber Daniel Ortega hat sich mittlerweile selbst in einen Diktator verwandelt."

So sieht es Edwin Román Calderón, aber es ist nicht nur die Meinung eines Priesters in Masaya, Nicaragua. Aus Brasilien hat sich Leonardo Boff zu Wort gemeldet, einer der bekanntesten Vertreter der Befreiungstheologie: "Mich macht perplex, dass eine Regierung, die die Befreiung Nicaraguas angeführt hat, heute die Praktiken des alten Diktators imitiert."

Daniel Ortega und seine Frau, die Vizepräsidentin Rosario Murillo, polarisieren. Aber die Frontlinie verläuft nicht zwischen rechts und links, sondern zwischen denen, die für sie, und denen, die gegen sie sind; zwischen Machterhalt und Menschenrechten. Dass ihnen nun Bischöfe und Priester als Feinde gelten, ist die natürliche Konsequenz. Auch wenn das Verhältnis zwischen marxistischen Sandinisten und katholischer Kirche nie einfach war.