Es ist zurzeit ein Leichtes, das Interesse an Hollywood zu verlieren, selbst dann, wenn man im Kino weder Welterklärung noch Meisterwerk, sondern lediglich zwei angenehme Stunden sucht, ohne zu viel Verlust an Geist und Moral. Die soundsovielte Fortsetzung einer Endlos-Saga aus ferner Zukunft, die nächste Weiterung eines Superhelden-Franchise, die hundertste Variante einer Geschichte um seltsame Menschen mit seltsamen Mord- oder Fortbewegungsinstrumenten. Und Remakes. So viele Remakes wie noch nie! 2018 wird das Rekordjahr des cinematografischen Recyclings, im amerikanischen wie europäischen Kino. Und ein Blick auf die Zuschauerzahlen zeigt: Was nicht Sequel, Reboot, Franchise und Remake ist (um in der Sprache der Fan-Presse zu sprechen), hat wenig Aussicht auf einen der vorderen Plätze bei Zuschauerzahlen und Gewinn.

Drei gute ökonomische Gründe dafür gibt es: Ein Stoff (Scarface) hat sich bereits als kinotauglich bewährt, und man muss sich um grundlegende Drehbuchideen keine Sorgen mehr machen (man achtet stattdessen auf Nuancen, Technik und Zeitbezüge). Man nutzt einen Bekanntheits- und Nostalgie-Bonus (Mary Poppins) die "Größe" des Sujets muss nicht mehr bewiesen werden. Und man schafft ein generationenübergreifendes Déjà-vu, eine Rückkehr zu alten Zeiten und eine aktuelle Leistungsschau zugleich: Papas Kino mit den Effekten und Stars von heute. Natürlich gibt es auch ästhetische und kulturelle Gründe für ein Remake: Sie können ebenso "Übersetzungen" sein wie Übertragungen (ein Samurai-Film, der zuerst ein Western, dann eine Weltraumoper wird), sie können kritische oder ironische Relektüren sein oder zeitgemäße Umbesetzungen bringen. Und schließlich mag es durchaus auch einmal um schiere Verbesserung gehen: Mit der digitalen Technik ist heute möglich, womit Filme früher (etwa Predator mit Arnold Schwarzenegger, dessen Remake im September ins Kino kommt) noch an ihre Grenzen stießen. Aber wenn die gewaltigen Bildermaschinen der Popkultur fast nur noch von der eigenen Vergangenheit leben, lässt sich vielleicht doch argwöhnen: Da steckt mehr dahinter.

Während in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends Remakes klassischer und postklassischer Hollywoodfilme eher ein Randphänomen waren, sind im Jahr 2017 unter den 22 kommerziell erfolgreichsten Filmen fünf Remakes, 14 Sequels und gerade einmal drei Originalstoffe – darunter ein "Eventfilm" wie Christopher Nolans Dunkirk. Freilich scheint die Sprache des Box-Office eindeutiger, als sie ist. Der Erfolg von Sequels und Remakes muss in Beziehung zum eingesetzten Produktions- und Werbebudget gesehen werden, und da zeigt sich, was der Regisseur Michel Gondry den Remakes im Allgemeinen vorwirft, nämlich dass sie immer teurer und dümmer als die Originale sein müssen. (Folgerichtig drehte er mit Be Kind, Rewind einen intelligenten Film über aberwitzig billige Remakes.) Alles, was eine Erfolgsgeschichte im Hintergrund aufweist, wird mehr oder weniger automatisch höher budgetiert und natürlich auch mehr beworben und muss zugleich um ein noch, nun ja, breiteres Publikum werben. So entwickelt sich eine fatale selbst erfüllende Prophezeiung und ein Zirkel der Mutlosigkeit in Hollywood. Es ist wie mit der deutschen Automobilindustrie, solange sich mehr vom Immergleichen verkaufen lässt, tut man den Teufel, an etwas Neues zu denken. Und wie hier die PS-Zahlen werden dort nur noch die Anzahl der Computereffekte oder die Star-Gagen erhöht.

Dabei entsteht ein weiteres System der Selbstreferenz. Die Filme beziehen sich nicht mehr auf eine Art von äußerer Wirklichkeit, sondern auf andere Filme und andere Ereignisse innerhalb der Popkultur. Das heißt natürlich nicht, dass sie sich nicht auf das Leben ihrer Konsumenten beziehen würden, denn das besteht ja in der Regel zur Hälfte aus Popkultur-Konsum. Und damit entsteht aus dem System der Selbstreferenz, der schieren Künstlichkeit, eben doch immer auch wieder der Meta-Kommentar zur Gegenwart. Um zu wissen, wie sich die Menschen in den USA und die amerikanisierten Menschen auf der ganzen Welt fühlen, muss man auf den Captain America- oder Batman- Film warten. Oder auf Bradley Coopers Remake von A Star Is Born  mit Lady Gaga (Premiere demnächst auf dem Festival von Venedig) .

Und nun also Papillon. Die Verfilmung der autobiografischen Fluchtgeschichte von Henri Charrière durch Franklin J. Schaffner im Jahr 1973 war mit Steve McQueen und Dustin Hoffman mehr als prominent, nämlich mythisch besetzt. Der coole rebel hero und der intelligente (jüdische) Underdog – wenn sie zusammenarbeiten, gibt es kein Halten. Von Charlie Hunnam in der Rolle des Papillon und Rami Malek als Sidekick kann man sagen, dass sie im neuen Film ihre Sache nicht schlecht machen. Die Handlung bleibt historisch; sie nimmt im Frankreich der Dreißigerjahre ihren Ausgang. Der zu Unrecht des Mordes angeklagte Henri "Papillon" Charrière wird auf die berüchtigte Teufelsinsel St. Laurent auf Französisch-Guyana gebracht. Auf dem Transport dorthin begegnet er dem Häftling Louis Dega, der als Fälscher verurteilt wurde. Weil er ihn verteidigt, gewinnt er seine Freundschaft, und gemeinsam arbeiten sie an Papillons Ausbruchsplan. Mehr braucht ja eine solche Geschichte nicht, nur eine kompetente Regie und eben den Mythos. Ein richtig guter Film war Papillon auch 1973 nicht.