Hollywoodstar Sylvester Stallone schimpfte 2010 in einem Interview: "Ich dachte, ich werd verrückt." Der Grund: Bei einem Bild von Anselm Kiefer, das er für 1,7 Millionen Euro gekauft hatte, war Stroh heruntergerieselt, das der Künstler auf dem Bild befestigt hatte. "Jeden Tag ein Halm", wie Stallone in dem Interview berichtet. Kurzerhand, so erzählt er, habe er selbst zum Klebestift gegriffen.

"Ganz furchtbar! Womöglich war’s noch ein Pritt-Stift", urteilt Aike Schnacke, Restauratorin in Hamburg, über den eigenmächtigen Eingriff des prominenten Sammlers. Der Fall hatte sich in der Branche herumgesprochen. Sollte die Arbeit je restauriert werden, wird der Klebstoff die Restauratoren ähnlich herausfordern wie die Strohhalme selbst, mit denen der Künstler Anselm Kiefer ebenso häufig arbeitet wie mit Blei oder Asche.

Fett oder Filz von Joseph Beuys, mit Kaugummi und Konfetti beklebte Leinwände von Dan Colen, Donut-Kringel von Robert Gober, Seifenbüsten von Janine Antoni: Niemand weiß so genau, wie sich diese Arbeiten vor dem Verderben schützen lassen. Monatelang tüfteln Restauratoren an der richtigen Methode. Für die Donuts des amerikanischen Künstlers fand der Deutsche Christian Scheidemann, Restaurator in New York, die Lösung, als ihm das zuckrige Werk in seinem Studio vorlag: Das Fett ersetzte er durch Kunststoff, für den echten Geruch sorgt frischer Zimt.

Restauratoren tauschen sich inzwischen regelmäßig aus über chemisch-analytische und mikroskopische Untersuchungen. Sie diskutieren über Analysen der Pigmente und Bindemittel und über die Möglichkeit, Nichthaltbares, ähnlich wie in der Lebensmittelindustrie, schockzugefrieren oder durch Beigabe von Stickstoff dauerhaft zu erhalten. Akribisch fahnden sie nach Indizien des Verfalls: War der Lichteinfall zu intensiv, die Luftfeuchtigkeit zu hoch? Oder war allein der Materialmix schuld an den zerstörerischen Reaktionen?

Die Künstler machen es dem Restaurator nicht leicht, seitdem sie Industrieprodukte und Rohstoffe miteinander kombinieren, deren Wechselwirkung oft noch unerforscht ist. Martin Kippenberger etwa benutzte einen hochaggressiven Kleber, um eine Latex-Luftmatratze mit Stoff und Zeitungspapier zu überziehen. Nach knapp 30 Jahren droht die Blaue Luftmatratze des 1997 verstorbenen Künstlers zu verfallen. Die Herausforderung besteht nun darin, die richtige Kunststoffrezeptur zu finden, ohne den Originalzustand zu beeinträchtigen und den Wert zu mindern.

Vor allem bei zeitgenössischer Kunst gibt es das Problem. Zum einen ist das Material für viele Künstler Inspiration, Markenzeichen, Bedeutungsträger und eben vielfach auch Sinnbild für Vergänglichkeit. So sind Kartoffeln, Zucker, Seife und Ketchup nicht dafür gemacht, die Zeiten an einer Museumswand oder in einem Sammlerwohnzimmer zu überdauern. Und trotzdem sollen Werke aus diesen Materialien so lange halten wie die Kunst früherer Jahrhunderte, die mit Ölfarben, Marmor und Bronze erstellt wurde. Kein Kunstliebhaber möchte seine Wertanlage von der Wand rieseln sehen.

Wer allerdings ein solches Kunstwerk erwirbt, muss akzeptieren, dass Veränderungen vom Künstler beabsichtigt sind, Experten sehen das nüchtern. Der verstorbene Schweizer Künstler Dieter Roth erkannte seine vor sich hin schimmelnden Schokoladen- und Zuckerskulpturen als Sinnbild für Verfall und Auflösung. Also warten, bis der Schokoladenhase mottenzerfressen an Form verliert? Präventive Maßnahmen im Umfeld könnten schon helfen, den Verfall zu verlangsamen, beruhigt Aike Schnacke – Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit herabsetzen und vor Lichteinfall schützen, lauten ihre Empfehlungen für den Umgang mit heikler zeitgenössischer Kunst.

Immer wieder hören Restauratoren den Vorwurf, dass Erhaltung um jeden Preis nicht unbedingt im Sinne der künstlerischen Idee sei. Schnacke kontert, das Berufsbild des Restaurators habe sich gewandelt: Ziel sei es heute, Gestus und Konzept des Künstlers zu verstehen, also den Geist der Arbeit zu erhalten, das ursprüngliche Material zu konservieren und auf keinen Fall, wie noch vor ein paar Jahren geschehen, Beuyssche Fettecken durch Plastik zu ersetzen.

Die Berliner Künstlerin Karin Sander macht es Sammlern, Museen und Restauratoren leicht – für ihre frisch an die Wände von Museen und Galerien genagelten Früchte, als Memento des naturgemäßen Verfalls, empfiehlt sie: "Der Sammler kann die jeweilige Frucht jederzeit durch eine frische ersetzen", nachdem er von ihr, höchstpersönlich, die Instruktionen, das Zertifikat sowie den speziellen Nagel erhalten hat. Schon Joseph Beuys erlaubte Sammlern, die Zitrone an der Capri-Batterie regelmäßig zu erneuern. Der Austausch defekter Teile ist damit ausdrücklich Bestandteil des Konzepts. Einen Konservierungskünstler brauchen diese Arbeiten vorerst nicht.