Da unten steht das Volk, alle Augen sind auf ihn gerichtet. Lange hat Emmerson Mnangagwa auf diesen Moment gewartet. 37 Jahre, in denen er Palastkämpfe überstand und Demütigungen hinunterwürgte, in denen er hoffte, dass der Alte endlich zurücktreten werde. Doch je älter Robert Mugabe wurde, desto verzweifelter klammerte er sich an die Macht. Und so blieb Mnangagwa die ewige Nummer zwei, der Mann an des Diktators Seite, beharrlich auf den richtigen Moment lauernd. Man nennt ihn auch das Krokodil.

Nachdem er sich des 94-jährigen Mugabe im letzten Jahr durch einen sanften Putsch entledigte, will der 75-Jährige nun vom Volk als Präsident bestätigt werden. Er muss die Simbabwer überzeugen, dass ausgerechnet er den Wandel bringen kann, den sie sich so sehr ersehnen. Am 30. Juli finden die Wahlen statt, auf die die Welt mit Spannung schaut, weil es die ersten freien in der Geschichte des Landes werden könnten. Tatsächlich scheint es, als würde es ein harter Kampf werden: Umfragen zufolge kommt Mnangagwa derzeit auf 40, sein Herausforderer Nelson Chamisa auf 37 Prozent der Stimmen.

Mnangagwa lässt den Blick von der Bühne aus über seine Anhängerschaft schweifen. Zigtausende warten seit Stunden in der prallen Sonne auf dem Flugfeld von Mutare auf ihn, hier im Osten des Landes, an der Grenze zu Mosambik. Viele tragen T-Shirts mit seinem Konterfei, so wie auch er sich ein Jackett übergezogen hat, das in kleinen Bildern immer wieder ihn selbst zeigt. So ein Jackett trug schon Mugabe. Einen schwindelerregenden Moment lang wirkt es, als würde Mnangagwa einen spiegelkabinettgleich aus unzähligen Blickwinkeln anstarren. Jetzt spielen sie sein Lied.

Das "Krokodil" will jetzt ein Softie sein und spricht die Sprache des Volkes

Im Jahr 1980 befreiten Robert Mugabes Truppen Simbabwe von britischer Kolonialherrschaft. Mnangagwa war damals schon an seiner Seite. Sie wurden zunächst als Hoffnung Afrikas gefeiert. Ihr Land galt als Juwel, reich an Ressourcen, touristischen Attraktionen und gutem Ackerland. Der einstige Lehrer Mugabe ließ seinen Bürgern gute Bildung angedeihen, doch schon bald wurde seine Herrschaft autokratisch und korrupt. Menschen verschwanden, Minister starben bei Autounfällen, er trieb sein Land in internationale Isolation und wirtschaftlichen Ruin. Die Farmen der enteigneten weißen Bauern verfielen, Industriegebiete machten dicht, 2008 führte die Hyperinflation zur Einführung einer 100-Milliarden-Dollar-Note. Viele der gut ausgebildeten und hart arbeitenden Simbabwer verdingen sich seither in den Nachbarländern, 51 Prozent der Ärzte praktizieren im Ausland. Mnangagwa diente Mugabe in all den Jahren unter anderem als Vizepräsident, Justiz- und Verteidigungsminister. Als Sicherheitsminister befehligte er den Polizei- und Geheimdienstapparat und war in dieser Funktion mitverantwortlich für das Massaker von Gukharundi, bei dem von 1982 bis 1985 mindestens 10.000 Menschen getötet wurden, die meisten Zivilisten. Wenn seine Kritiker ihn das Krokodil nennen, dann meinen sie damit auch: den Unerbittlichen. Dieses Image will er nun loswerden.

Deshalb erzählt seine Tochter neuerdings Journalisten, was für ein "Softie" er doch sei; deshalb verteilt seine Partei niedliche Plüschkrokodile. Und hier auf der Bühne in Mutare tanzt der Kandidat. Macht die Lokomotive, die Arme neben dem Körper schwingend. Und mit einem Mal geschieht mit ihm, dessen Gesicht so verschlossen wirken kann, Erstaunliches. Er wandelt sich. Zum Volk spricht er in der weitverbreiteten Bantu-Sprache Schona, und er tut das in der Art eines Geschichtenerzählers, die Worte in die Länge und Höhe ziehend. "Wir sind die Diener des Volkers. Ihr seid die Herren." Er wechselt ins Englische, mit Blick auf die internationalen Wahlbeobachter, und seine Stimme wird staatsmännisch: "Wir wollen freie und faire Wahlen." Zuvor hatte er in Mutare Geschäftsleute und Lokalpolitiker getroffen. In den vergangenen Monaten ist er durch die halbe Welt getourt, Davos, Dubai, Peking, und er brachte eine Botschaft, die Diplomaten und Big Business gerne hörten: "Zimbabwe is open for business." Bei den Geschäftsleuten in Mutare gibt er den Manager – und wahrscheinlich ist er das auch. Heimlich soll er selbst ein gewaltiges Wirtschaftsimperium zusammengerafft haben – Öl- und Goldgeschäft, eine Airline –, was seine Partei, die Zanu-PF, freilich bestreitet.

Und das ist der heikle Punkt. Die Zanu-PF ist aus den Mugabe-Jahren gewöhnt, absolute Macht auszuüben. Nicht wenige profitieren davon. Die korrupte Krisenökonomie Simbabwes bietet fantastische Geschäftsmöglichkeiten. Als die Inflation 2008 grassierte, legalisierte die Regierung den Gebrauch von Devisen, insbesondere von US-Dollar. Das stoppte die Geldentwertung, führte aber dazu, dass die Reichen das Geld säckeweise außer Landes brachten: "Es war ein organisierter Diebstahl der Mächtigen", sagt der Politikwissenschaftler Ibbo Mandaza. Jetzt ist Bargeld in Simbabwe so knapp, dass Bürger vor Geldautomaten übernachten, um an einen Bruchteil ihrer Ersparnisse zu kommen – derzeit dürfen sie 30 US-Dollar pro Woche abheben. Die Menschen misstrauen den Banken so sehr, dass sie ihr Geld lieber auf dem Schwarzmarkt oder im benachbarten Südafrika anlegen. Unternehmen machen dicht, weil sie weder Angestellte noch Zulieferer bezahlen können. 70 Prozent der Simbabwer leben in Armut, während die Reichen im Mercedes-Autohaus den Traumwagen in Cash bezahlen.