Zuerst sollte es nur eine Stippvisite werden, eine Reise durch die rechten Landschaften Europas. Doch die Eindrücke waren überwältigend. "Wir haben die Geschichte auf unserer Seite", triumphierte der Reisende, nachdem ihm bei seinen Vorträgen das Publikum zugejubelt hatte: Die rechte Revolution sei nicht mehr aufzuhalten (ZEIT Nr. 12/18).

Der Reisende, das war der Amerikaner Stephen Bannon, ein berüchtigter Ehemaliger: ehemaliger Banker, ehemaliger Filmemacher, ehemaliger Kopf des radikal rechten Internetportals Breitbart, ehemaliger Wahlkampfleiter von Donald Trump und ehemaliger Sicherheitsberater im Weißen Haus. Jetzt plant der Ehemalige etwas Zukünftiges: Er will mit seiner Stiftung The Movement von Brüssel aus die europäischen Rechtsparteien zu einem rebellischen "Superblock" zusammenschweißen und die EU von innen zerstören. Alice Weidel hat von den neuen transatlantischen Beziehungen schon Gebrauch gemacht und sich mit Bannon in Fragen der "politischen Kommunikation" beraten; mit von der Partie sind Marine Le Pen und Teile der polnischen PiS. Dass Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán sich nicht lange bitten lassen musste, glaubt man sofort: Bannons "Bewegung" hat sich nämlich die Stiftung Open Society als Vorbild und Lieblingsfeind ausgesucht – jene Stiftung des Multimilliardärs George Soros, die von Orbán mit allen Mitteln verfolgt wird und die für all das steht, was Bannon so hasst wie die Pest: liberale Eliten, liberale Intellektuelle, liberale Medien. "Ich will alles zum Einsturz bringen und das komplette Establishment zerstören."

Man weiß nicht, welchen Rat Bannon seinen europäischen Anhängern gibt; man weiß nur, welches Programm er in den USA verfolgt hat: Angriff auf die "Lügenpresse", Angriff mit allen Mitteln. Ultranationalisten wie Bannon geht es dabei nicht, wie liberale Schlafwandler immer noch glauben, um eine zarte Erweiterung des Meinungskorridors; es geht ihnen nicht um die einfühlsame Ausdehnung des öffentlich Sagbaren oder um mehr Meinungsvitalität in ermatteten Diskursräumen. Liberale Medien sollen nicht liberaler werden, sie sollen kujoniert werden und wieder "dem Volke" dienen, dem geistigen Wohl der Nation.

Medien als "vierte Gewalt"? Als Garanten von Informationsvielfalt und "kritischem Bewusstsein"? Bannon hört darin nur das Eiapopeia der Eliten. Mit dieser Propaganda täusche der "liberale Sumpf" – und dazu gehört für ihn auch der "brillante Teufel" George Soros – das "Volk" über seine wahren Interessen und infiziere es mit kosmopolitischem Geist. Der antisemitische Unterton ist hier nicht zu überhören, denn was treibt der Teufel? Mit seinen Medien politisiert er die nationale Kultur; er bricht ihre Widerstandskraft und macht sie einer Globalisierung gefügig, die alles ins Unglück stürzt. Darum: Drain the swamp. Trocknet den Sumpf aus. Weg damit!

Es ist nicht so, dass Bannons Jubel über den medienpolitischen Vormarsch der weltweiten Rechten frei erfunden wäre. Im Handstreich brachte die polnische PiS-Partei öffentlich-rechtliche Sender auf Linie; in Ungarn führt Viktor Orbán schwarze Listen über Journalisten und versucht, mithilfe von Strohmännern und "befreundeten Verlegern" kritische Medien mundtot zu machen. Auch Österreichs Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) sagt unverblümt, wohin die Reise geht. Im ORF werde man "Optimierungen" an der Objektivität vornehmen und für eine "nachhaltige Identitätssicherung" sorgen; das Twittern sollen die Redakteure künftig ganz einstellen. Als es ein ORF-Korrespondent wagte, Ungarn als "demokratische Diktatur" zu bezeichnen, drohte ein FPÖ-Politiker, man werde ein Drittel aller Auslandskorrespondentenstellen streichen, sofern die Journalisten "nicht korrekt berichten".

Korrekt erwähnt werden muss auch der Schweizer Unternehmer und Politiker Christoph Blocher, über den Bannon den historischen Satz anfertigte: "Er war schon Trump, bevor es Trump überhaupt gab." Wie Trump interessierte sich Blocher bereits in jungen Jahren für Funk und Fernsehen, inzwischen hat der rechtskonservative Milliardär in der Schweiz eine beträchtliche Einfluss- und Meinungsmacht aufgebaut. Und was für den helvetischen Trump gilt, das gilt auch für die steinreichen Gebrüder Koch in Amerika. Sie verstehen sich ebenfalls als radikale Libertäre, und das heißt: Für sie gibt es immer noch zu wenig Markt, zu viel Staat und viel zu viele liberale Medien. Vor einiger Zeit sicherten sich die Koch-Brüder mit 650 Millionen Dollar indirekt einen Anteil am Time-Verlag (People, Sports Illustrated, Time). Einen redaktionellen Einfluss wollen sie selbstverständlich nicht ausüben.

Mit den Brüdern Koch wetteifert der Mehrfachmilliardär Robert Mercer, der mit zwei Hobbys auffällig wurde: Mercer spielt nicht nur Lokführer auf seiner 2,9 Millionen Dollar teuren Modelleisenbahn; er spielt auch gern den politischen Weichensteller. Für Trumps Wahlkampf machte er 13,5 Millionen Dollar locker und sorgte dafür, dass dessen Team mit den Datendeutern von Cambridge Analytica zusammenarbeitete – einer ihrer Mitbegründer war, welch Zufall, Stephen Bannon. Großzügig kauft sich Mercer die passende Meinung und fördert rechte Stiftungen wie das Media Research Center, vor allem Klimawandel-Leugner haben es ihm angetan. Um die angeblich linksliberale Hegemonie zu brechen (im Visier ist unter anderem die Huffington Post), half Mercer beim Aufbau von Breitbart. Besonders stolz war er auf eine Neuanwerbung des Medienportals, auf einen damals kaum bekannten Hassprediger und Scharfmacher. Sein Name: Stephen Bannon.

Noch nie, frohlocken rechte Medienstrategen, sei ihre Ertragslage so aussichtsreich gewesen wie heute; die "alten Tanten" des analogen Zeitalters, die Fernsehsender und Zeitungsverlage, seien geschwächt und hätten die Poleposition bei der Verbreitung von Nachrichten verloren. Tatsächlich sind die klassischen Medien in den Informationsströmen von Facebook und Co. – wie der Medienwissenschaftler Siegfried Weischenberg schreibt – keine unangefochtenen "Schleusenwärter" mehr. Hinzu kommt, dass die Macht der Medienkonzerne wächst; die "Konzentration der Besitzverhältnisse", klagt die Organisation Reporter ohne Grenzen, setze die kritische Berichterstattung unter Druck. Auch in Europa.