Es ist ein alter Traum, den Politiker, Ökonomen, Philosophen derzeit wiederentdecken. Zum Beispiel Emmanuel Macron im September vor einem Jahr. Da forderte der französische Präsident in Paris vor Studenten für Europa "wahre soziale Konvergenz". Gemeint ist, dass sich die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen in den europäischen Ländern einander angleichen sollen. Es ist der Traum von der Gleichheit in Europa. Auch der Philosoph Jürgen Habermas träumt davon und forderte kürzlich in einer Rede, "das gebrochene Versprechen der gemeinsamen Währung auf konvergente wirtschaftliche Entwicklungen einzulösen".

Die Forderungen sind revolutionär. Nicht weil sie neu sind. Vor der Euro-Krise war die Rede von der "Konvergenz der Lebensverhältnisse" ein europäischer Standard. Revolutionär daran ist der Zeitpunkt.

Der Nationalismus gewinnt in vielen Ländern an Unterstützung. Wenn jetzt einer daherkommt und mehr Gleichheit in Europa fordert, dann meint er damit: mehr Umverteilung zwischen den Staaten; die reicheren sollen die ärmeren unterstützen. In Zeiten, in denen viele Menschen lieber weniger Europa als mehr wollen und lieber weniger Geld für die EU abgeben wollen als mehr, ist das eine mindestens interessante Forderung und vielleicht sogar: eine unmögliche.

Doch so schnell sollte man den großen, den durchaus sympathischen Traum von der Gleichheit nicht zurückweisen. Er könnte in Zeiten, da sich in Europa eine Art nationalistische Internationale zusammenfindet, ja auch ein Gegenmodell sein, eine positive Vision für den Kontinent. Seine Freunde träumen nicht nur davon, dass Europa durch weniger Ungleichheit glücklicher wird. Sie haben auch ein ökonomisches Argument entdeckt. Das geht ungefähr so: Der Euro ist ein wackeliges Konstrukt. Damit er stabiler wird und Krisen einzelner Länder nicht mehr zu Existenzfragen der Währungsunion werden, müssen sich die Euro-Länder wirtschaftlich ähnlicher werden. Sprich: Man braucht ein immer gleicheres Europa, zusammengehalten durch Transfers, damit die gemeinsame Währung endlich funktioniert. Mehr Umverteilung für die Zukunft des Euro!

Das klingt durchaus verlockend, wenn man bedenkt, in welch miserablem Zustand sich Europa befindet.

Nach Finanz- und Euro-Krise, nach Krisenfonds und Rettungsprogrammen hat der Kontinent sich zwar wirtschaftlich einigermaßen berappelt. Sogar Italiens und Griechenlands Wirtschaftsleistungen wachsen seit einiger Zeit wieder moderat. Aber das alles klappte nur angesichts einer Notenbank, die Staatsanleihen in nie geahntem Ausmaß kauft. Mehr als zwei Billionen Euro hat sie dafür schon ausgegeben. Und das, obwohl einige Euro-Länder schon klar überschuldet sind.

Dass die Notenbank die kriselnden Volkswirtschaften des Kontinents am Leben hält, das kann kein Dauerzustand sein. Das ist höchstens eine Krisenmaßnahme, weil sonst irgendwann die Europäische Zentralbank die Staaten finanziert. Deshalb will die EZB jetzt raus aus dem Kauf von Staatsanleihen. Die Sorge der Europäer und ihrer Politiker lautet: Was dann? Wer garantiert jetzt, dass der Euro-Raum nicht auseinanderfliegt?

Hier kommt die Gleichheit ins Spiel. Ihre Freunde haben zwei Argumente. Das eine lautet: Je ähnlicher sich die europäischen Länder wirtschaftlich sind, desto unwahrscheinlicher ist es, dass eines allein in eine Krise gerät, aus der die anderen es befreien müssen. Wenn stattdessen alle gleichzeitig in der Krise sind, kann ja immerhin die gemeinsame Währung abwerten, wodurch die Exporte steigen und die Wirtschaft einen Schub bekommt. Das Argument ist also: Gleichheit schafft wirtschaftliche Stabilität.