Eine neue Studie belegt, dass ... Wissenschaftler haben herausgefunden, dass ... – Solche Satzanfänge machen sich gut. Sie haben den Sound des Rationalen und eine beruhigende Botschaft: Die Wissenschaft kümmert sich. Sie forscht an Krebs, analysiert den Klimawandel, macht Archivfunde. Die Arbeit in den Laboren und Bibliotheken dieser Welt ist oft schwer verständlich. Aber sie erfüllt ebendeshalb für unsere Gesellschaft eine Aufgabe, die weit über die produzierten Erkenntnisse hinausreicht und von grundstürzender Relevanz ist: Sie erinnert daran, dass Komplexität delegierbar ist. Man versteht die Dinge zwar nicht, verlässt sich aber doch auf sie.

So weit das Prinzip. Wissenschaft ist allerdings auch ein global vernetzter, kompetitiver, unübersichtlicher Markt. Acht Millionen Wissenschaftler gibt es weltweit; Universitäten schießen aus dem Boden wie Pilze, vor allem in den Schwellenländern; 1,7 Billionen US-Dollar fließen jährlich in Forschung und Entwicklung. All das zeigt sich auch in Fachzeitschriften, die von renditeträchtigen Großverlagen vertrieben werden. Nur, geht da alles mit rechten Dingen zu?

Die fatale Logik der Bildungsministerin: Wissenschaft müsse lernen zu vereinfachen

Tausende Forscher, so berichteten viele Medien, veröffentlichten halbseidene Studien in Pseudojournalen. Weil sie ihre Publikationslisten aufhübschen wollen. Oder – schlimmer noch: weil sie nicht einmal gemerkt haben, dass weder ihre Studie noch die vermeintliche Fachzeitschrift etwas taugt. Dieses zwielichtige Geschäftsmodell gibt es tatsächlich: Die Autoren zahlen Geld für die schnelle, ungeprüfte Publikation ihrer Arbeit an eine akademische Briefkastenfirma. Diese Abzocke ist längst ein eigener Markt, und sie zeigt: Es gibt eine schmierige Seite der Wissenschaft. Dies haben nicht nur gierige Scharlatane zu verantworten. Es liegt auch an einer akademischen Kultur, die auf maximalen, manchmal wertlosen Output aus ist.

Das Thema hat einen Nerv getroffen: bei den Forschern und ihren Institutionen, die sogleich ihre Hausaufgaben gemacht haben. Sie haben Zahlen überprüft und Position bezogen. Schlampige Arbeit sei nicht hinnehmbar. Zugleich stellten sie richtig, dass nur ein Bruchteil der Publikationen betroffen sei, es kein großflächiges Qualitätsproblem gebe, jedenfalls nicht in Deutschland. Diese Differenzierungen gingen leider im Getöse eines medial leicht verdaulichen Schlagworts unter: Fake-Science.

Ein Begriff, der nun wie Gift an der Forschung klebt. Fake-Science, Fake-News, diese unseligen Begriffsbildungen aus dem Zeitalter des grellen Populismus haben eines gemein: Sie säen Misstrauen. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass ...? Ach, wer weiß! Fake-Science, das ist ein Kampfbegriff, mit dem die Gesellschaft einen Vertrag aufzukündigen droht: mit den Wissenschaftlern, die sie für unredlich erklärt. Aber auch einen Vertrag mit sich selbst – weil sie sich einbildet, es besser zu wissen als jene, die jahrelang an Erkenntnissen arbeiten.

Die Gesellschaft weiß es aber nicht besser. Sie ist auf Arbeitsteilung angewiesen. Darauf, dass Forscher gründlich und frei von Geschäftsinteressen altes Wissen infrage stellen und neue Erkenntnisse sammeln. Denn eine Recherche, die nur im eigenen Kopf stattfindet, führt im besten Fall zu ideologischer Verblendung und hat im schlechtesten Fall handfeste Konsequenzen. Wenn man Impfschutz für überflüssig erklärt. Wenn man den Klimawandel leugnet. Wenn man historische Zusammenhänge negiert. Wenn man also vielem, was wissenschaftlich belegt ist, eine Absage erteilt. Es gibt auf dieser Welt eine wachsende Zahl von Politikern, die eine solche Ignoranz kultivieren. Lügenwissenschaft!, rufen sie und verkaufen die Botschaft, es gäbe eine einfache Welt in der komplizierten.

Ob sie wollen oder nicht: Wissenschaftler rutschen dabei in die Defensive. Ihre Integrität wird bezweifelt. Weil sie selbst nicht entschlossen genug auf Missstände im eigenen Feld reagieren. Und weil Teile der Öffentlichkeit sie gering schätzen und eine passfertige Schablone für sie bereithalten: #FakeScience.

In dieser Lage wird eine Forderung erhoben, die besonders laut von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek vorgetragen wird: Die Wissenschaft solle das Vereinfachen lernen, um das Vertrauen in ihre Berechtigung nicht zu verspielen. Eine fatale Logik. Sie lässt das Unverstandene verdächtig erscheinen. Doch die Welt ist getrieben vom wissenschaftlichen Fortschritt und wird dabei immer komplexer. Man kann aber nicht das eine genießen und das andere negieren.

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