Alina Oehler (27) ist katholische Theologin und Publizistin. Im Wechsel mit der Vikarin Hanna Jacobs schreibt sie, wie sie als junge Christin ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Schon Hesse liebte dieses malerische Fleckchen Erde mit seinen Wäldern und Seen: das Tessin. Etwa 20 Kilometer von Montagnola entfernt, dem langjährigen Wohnort des berühmten deutschen Literaten, liegt Cannobio am italienischen Ufer des Lago Maggiore. Ein kleines, malerisches Städtchen mit verträumter Uferpromenade, von der aus man nachts das Glitzern der vielen Lichter am anderen Ende des Sees bestaunen kann. Seit Jahren komme ich immer wieder dorthin, weil es wunderschön und nah ist und sich dort die süße Leichtigkeit finden lässt, die der Italiener im Sommer das "Dolcefarniente" nennt: das süße Nichtstun.

Auch spirituell hat der kleine Ort etwas zu bieten: Direkt an der Uferpromenade, inmitten vieler Restaurants und Hotels, steht eine Kirche mit zunächst sonderbarem Titel: "Santuario della SS. Pietà", Heiligtum der heiligen Pietà. Auch der guten Lage ist es zu verdanken, dass viele Touristen beim Stadtspaziergang den Weg hineinfinden und das prachtvolle Innere bestaunen. In hellen Farben, mit zahlreichen Stuckverzierungen, Engeln und Bildern wird eine wundersame Geschichte erzählt, die sich im 16. Jahrhundert hier abgespielt hat. Sie klingt wie ein Märchen.

Am Ort der heutigen Kirche stand früher ein einfaches Haus, in einem der Zimmer hing ein kleines Gemälde. Zu sehen war Jesus, der, vom Kreuz abgenommen, tot in den Armen seiner Mutter Maria liegt – ein kleines Andachtsbild. Am 8. Januar 1522 entdeckte ein junges Mädchen, dass das Bild zu bluten begonnen hatte. Da das sonderbare Schauspiel nicht aufhörte, wurde unter das Bild ein Tuch gelegt, um das Blut aufzufangen. Verschiedene Gutachter beglaubigten das Ereignis notariell. Die Dokumente und die immer noch vorhandenen Tücher voll Blut sorgen dafür, dass man hier statt von einem Märchen von einem bezeugten Wunder spricht. Das kleine, ehemals blutende Bild ist bis heute am Hochaltar zu sehen. Selbst wer nicht daran glaubt, muss anerkennen, dass es für dieses kleine Städtchen einiges bedeutet haben muss, eine solch prachtvolle Kirche darum herumzubauen. Eine Lokalgeschichte fast 500 Jahre zu erzählen, die die Besucher immer wieder aufs Neue zum Staunen (und vielleicht ja auch zum Nachdenken) bringt – das ist schon groß.

Erst später entdeckte ich, dass sich etwas weiter hinter der Stadt im bergigen Valle Vigezzo eine ganz ähnliche und noch viel berühmtere Geschichte findet: die Madonna von Re. Ein Bildnis der Gottesmutter wurde mit einem Stein beworfen und es blutete auch. Etwa 30 Jahre vor dem Blutwunder von Cannobio. In Re steht heute eine mächtige Basilika, ein großer Wallfahrtsort ist entstanden, zahlreiche Votivtafeln zeugen von Gebetserhörungen.

Wenn ich daran und an die zahlreichen Pilger denke, denen ich dort begegnet bin und die an diesen Orten Hoffnung schöpfen, frage ich mich, ob wir ausreichend über Wunder sprechen. Es muss ja nicht gleich ein blutendes Bild sein, aber aus vielen persönlichen – aber eben privaten – Gesprächen weiß ich, dass in so vielen Leben auch heute Dinge geschehen, die man außer als "Wunder" eigentlich nicht erklären kann. Doch in einer durchrationalisierten Welt ist die Hürde, das so ins Wort zu fassen, besonders hoch. Wer will schon als Spinner gelten? Doch wenn nicht die Kirche Raum für diese Begebenheiten zwischen Himmel und Erde schaffen kann, wer dann?