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Kürzlich, in der Diesel-Debatte, hatten wir Glück. Die ganze Republik debattierte über das Für und Wider von Umweltplaketten, über Abgasmanipulationen deutscher Autohersteller und die wechselhafte Berliner Politik. Und wir Journalisten aus der Wirtschaftsredaktion diskutierten mit, interviewten Betroffene unter den Kunden, Arbeitnehmern und Anwohnern. Vor allem schafften es unsere Redakteure, einige Machenschaften bei Volkswagen und Daimler aufzudecken.

Doch in einem Sinne blieb uns die Diesel-Debatte eigenartig fremd: Fast keiner unserer Redakteure hier im sechsten Stock des Pressehauses besitzt ein Diesel-Fahrzeug. Nicht wenige kommen jeden Tag mit dem Fahrrad, fast alle haben ein Monatsticket für die Busse und Bahnen des Hamburger Nahverkehrs.

Eine Kollegin, Lisa Nienhaus, riss uns raus. Bei ihr stehen sogar zwei Diesel vor dem Haus. Ihre Familie braucht sie, die Eltern müssen zur Arbeit, die Kinder in den Kindergarten. In der Redaktionskonferenz sorgte es für Heiterkeit, als sie sich outete; dankbar druckten wir ihren Kommentar über Diesel-Verbote, die ausgerechnet Hamburg als erste Stadt trafen: "Mein Name ist Lisa Nienhaus, und ich bin Diesel-Fahrerin". Der Artikel fand großen Anklang bei den Lesern. Dass diese Perspektive aber in der Zeitung beinahe gar nicht vorgekommen wäre, deutet auf ein Problem bei uns hin.

Wir Wirtschaftsredakteure sind in der Regel in Städten zu Hause und haben etwas mit Wirtschaft, Geschichte oder Sozialwissenschaften studiert. Wir verbringen viel Zeit in der Redaktion, verdienen ein mittleres Einkommen, das aus einem Angestelltenverhältnis beim Zeitverlag stammt, und wir zahlen in die Sozialkassen ein.

Zugegeben, wir kommen auch viel raus. Jede Woche führen wir für unsere Berichte unzählige Gespräche per Telefon und reisen per Bahn und Flieger (seltener im Diesel-Fahrzeug) zu Recherchen. Eine Vielzahl von Menschen kommt bei uns zu Wort. Trotzdem fehlt uns etwas.

Das hat mit einem Wandel zu tun, der das ganze Land betrifft: Viele Menschen blicken auf dieselben Nachrichten, aber sie nehmen sie ganz unterschiedlich wahr. Sie bewerten sie auch deutlich polarisierter als früher. Die Trennlinien verlaufen zwischen Stadt- und Landbewohnern, zwischen Ost und West, entlang der Parteigrenzen, zwischen Arbeitnehmern und Selbstständigen, Rentnern und Berufsanfängern. Einzelne Fragen werden zu regelrechten Bruchlinien in Beziehungen zwischen Menschen und Milieus: Ist man für oder gegen Globalisierung? Lieber mit Amerika oder lieber mit den Russen? Für oder gegen Diesel-Verbote?

Entlang dieser Trennlinien entstehen im Internet, aber nicht nur dort, hohe Wellen der Aufregung und Entrüstung. Und die Medien geraten in den Verdacht, voreingenommen zu sein, weil sie zu viel von der einen und zu wenig von den anderen Wirklichkeiten beschreiben.

Wir antworten darauf schon länger. Im ZEIT-Wirtschaftsressort haben wir neue Ansätze ausprobiert. In der Porträtserie "Mit eigener Hände Arbeit", die diese Woche vorerst ausläuft, schauen wir auf Arbeitnehmer, über die in überregionalen Medien eher selten berichtet wird. Redakteure und freie Autoren schildern ihre Alltagserlebnisse in der deutschen Wirtschaft ("Wirtschaft erleben"). Wir versachlichen manch aufgewühlte Debatte durch Faktenchecks ("Fakt oder Fake") oder umfangreiche grafische Darstellungen der wesentlichen Daten.

Immer wieder haben wir festgestellt, wie sehr uns Hinweise von Lesern dabei weiterhelfen. So führte ein Leserbrief über die Lobbymacht hinter dem Umweltgift Glyphosat zu einer Recherche des Kollegen Kolja Rudzio, die im November bei uns erschien. Eine Leserfrage brachte uns im Januar darauf, dem Für und Wider von Plastiktüten-Verboten in Supermärkten nachzugehen - und zwar viele Wochen bevor das Thema landesweit diskutiert wurde. Unsere Autorin Katharina Heckendorf zeigte da schon, dass so ein Verbot allein wenig bewirkt, wenn schädliche Alternativen in die Regale kommen.

Um der Wirklichkeit in der Wirtschaft gerecht zu werden, möchten wir uns künftig weniger auf Zufälle verlassen, sondern auf einen größeren Erfahrungsschatz und auf eine breitere Perspektive zurückgreifen. Und wer stünde uns da näher als unsere Leser? Wir lernen nämlich jede Woche neu aus Leserbriefen, E-Mails, Online-Kommentaren und aus Diskussionen bei Veranstaltungen. Unsere Leser kommen aus allen Teilen der Gesellschaft, des Arbeitsmarkts, der Wirtschafts- und der Konsumwelt. Diese Vielfalt wollen wir nutzen.

Wie kommen wir einander also noch näher?

Wir gründen einen ZEIT-Wirtschaftsrat aus Lesern! Er wird aus rund einem Dutzend Personen bestehen, die wir im Blatt vorstellen werden und die dazu bereit sein sollten, uns mit Ideen zu helfen und auch in unserer Zeitung vorzukommen. Die ausgewählten Leser werden für etwa ein Jahr mit der Redaktion und auch untereinander verbunden sein.

Die Mitglieder dieses ZEIT-Wirtschaftsrates können uns Perspektiven, Ideen, Erfahrungen anbieten und werden auch von Redakteuren kontaktiert, die sich für ihre Meinung und ihre Erlebnisse interessieren. Sie können mit ihren Arbeits-, Konsum- und Sparerfahrungen vorkommen, als Quelle von Artikeln oder mit Interview-Antworten.

Der Wirtschaftsrat ist ein Gemeinschaftsprojekt der Wirtschaftsredaktion und der "Freunde der ZEIT". Die Freunde der ZEIT sind ein exklusives Angebot für Abonnenten, die damit an Redaktionsbesuchen, ZEIT-Veranstaltungen und Seminaren teilnehmen und so näheren Kontakt zur Redaktion bekommen können.

Wer sich um einen Sitz im ZEIT-Wirtschaftsrat bewerben möchte, kann das mit einer einfachen Online-Befragung tun. Wir wählen dann die Mitglieder für das erste Jahr aus und bringen sie auch einmal persönlich zusammen.

Vielen Dank für die zahlreichen Zuschriften. Aktuell sind keine weiteren Bewerbungen möglich.

Durch den Austausch mit Mitgliedern des Rates werden unsere Redakteure und Autoren dann in den kommenden zwölf Monaten versuchen, mehr darüber erfahren, wie sich Veränderungen in der Wirtschaft und Entscheidungen in der Wirtschaftspolitik auf ihren Alltag und Beruf auswirken. Wir werden versuchen, den Rat sozial und professionell möglichst divers zu besetzen, um eine breite Grundlage zu haben.

Das Ganze ist ein Experiment, auf das wir uns sehr freuen. Und auf das Sie sich freuen dürfen, ob als Mitglied, als Leserin oder als Leser.

Das ZEIT-Wirtschaftsressort