Ungefähr acht Jahre dauert es, bis eine durchschnittliche Altenpflegerin ihre Arbeit nicht länger erträgt und sich etwas Neues sucht. Es wird darum nur wenige geben, die nicht bloß die Folgen des "Pflegepersonal-Stärkungsgesetzes" erleben, das der christdemokratische Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gerade angekündigt hat, sondern auch die lange Liste seiner Vorläufer aus eigener Kenntnis beurteilen können: das Pflegeleistungsergänzungsgesetz von 2002, das Pflegeneuausrichtungsgesetz von 2012, dazu nicht weniger als drei Pflegestärkungsgesetze in den letzten drei Jahren und das Herumgebastel an einer Institution namens "Pflege-TÜV".

Neuausrichtung, Leistungsergänzung, technische Überprüfung, dazu Stärkung und nochmals Stärkung: Die deutsche Altenpflege scheint selbst recht gebrechlich zu sein. Wenn das so ist, dürfte die Kirchen eine Mitschuld treffen – immerhin betreiben sie ja viele Altersheime.

Ist es eigentlich selbstverständlich, dass eine religiöse Institution zugleich als Anbieter von Dienstleistungen im Sozialbereich auftritt? In der Theologie ist die Bedeutung der kirchlichen Sozialwerke umstritten. Diakonie, das ist der Dienst am Menschen, die Caritas ein Liebesdienst. In den Worten Papst Benedikts XVI.: "Die Kirche kann den Liebesdienst so wenig ausfallen lassen wie Sakrament und Wort." Es gibt aber auch Autoren, die in den Sozialwerken lediglich ein Mittel zum Zweck sehen. Aus ihrer Sicht dienen sie letztlich bloß der Erweiterung der christlichen Gemeinschaft.

So oder so, gemessen an diesen hehren Ansprüchen sind die Verhältnisse im deutschen Pflegealltag deprimierend. Ging es früheren Bundesregierungen bei ihren Reformversuchen nur darum, durch Auflagen und Kontrollen die evidenten Mängel einer Minimalversorgung zu begrenzen, zeigt sich inzwischen, dass jedenfalls in wirtschaftlich besseren Zeiten schlichtweg keine Arbeitskräfte mehr zu finden sind, die sich freiwillig dem Alltag in deutschen Altersheimen aussetzen. Darum nun das "Personalstärkungsgesetz", das Bezahlung und Ausbildung der Pflegekräfte ein bisschen verbessern soll.

Berlin - Heute pflegt Herr Qoshja In Deutschland fehlen rund 80.000 Pflegekräfte. Die Lücke sollen Menschen wie Samed Qoshja aus Albanien schließen. Gelingt das? Eine Videoreportage © Foto: Bart Biesemans

Am Elend der Altenpflege wird das wenig ändern. Es bleibt ja bei dem Ziel, mit ein paar Promille des Bruttoinlandsprodukts zu erreichen, wofür skandinavische Länder zwischen zweieinhalb und beinahe vier Prozent ihrer Wirtschaftsleistung aufbringen: eine menschenwürdige Versorgung der hilfsbedürftigen Alten. Unter deutschen Bedingungen kann die Pflege eines alten Menschen kaum mehr sein als die Abwicklung eines unzureichend versicherten Schadensfalls, und so geht es in den Heimen auch zu.

Einen Skandal kann man das nicht nennen – denn diese Form der Altenversorgung vollzieht sich ja seit Jahren unter aller Augen. Es gibt die regelmäßigen Regierungsberichte "zur Lage der älteren Generation", es gab die Untersuchungen der Spitzenverbände der Krankenkassen, denen man recht genau entnehmen konnte, wie viele alte Menschen in Pflegeeinrichtungen sich zu unterschiedlichen Zeitpunkten wund gelegen haben, ans Bett gefesselt wurden oder mangels Flüssigkeitsversorgung regelrecht austrockneten. Und natürlich gibt es die gut dokumentierte Praxis, wehrlose Alte unter Drogen zu setzen, um sie im Pflegealltag gefügig zu machen. "Eklatant sind Befunde zu verbreiteten Fehlmedikationen mit Psychopharmaka sowohl im ambulanten als auch im stationären Versorgungsbereich", heißt es im jüngsten Altersbericht des Bundes – auch dies kein Skandal, bloß business as usual.

Unter Leitungskräften in der Altenpflege sagen zwei von dreien, dass sie selbst die Minimalanforderungen der deutschen Satt-und-sauber-Versorgung regelmäßig nicht erfüllen können. Jede zehnte kommt nach eigenen Angaben täglich mehrmals in die Situation, sich das eingestehen zu müssen.

Wer guten Gewissens einen Angehörigen in ein Pflegeheim schickt, der möge widersprechen – für die meisten Deutschen ist klar, dass sie sich selbst und ihren Verwandten dies Schicksal möglichst ersparen wollen.

Auch wenn das Arbeitsleben einer Pflegerin zu kurz ist, die langfristige Entwicklung ihres Berufsfelds zu überblicken: Was ist mit den Institutionen, die sie kraft Erfahrung und Urteilsfähigkeit genau einordnen können und die über die Autorität verfügen würden, sie öffentlich anzuprangern? Was ist mit den Kirchen?

Die Kirchen sehen sich als Helfer und Anwälte der Schwachen und Hilfsbedürftigen, aber im Fall der Altenpflege ist ihre Rolle speziell. Wie sollen ausgerechnet sie als größter Arbeitgeber im Pflegebereich die unwürdigen Verhältnisse in den Heimen kritisieren? So tun die Kirchen zwei Dinge: Sie machen, wie andere Anbieter von Pflegeleistungen, das Beste aus schlechten Bedingungen. Und sie verpassen der Altenpflege ihr Gütesiegel. Wer wirklich nicht wissen will, wie es in den Heimen zugeht, der kann sich damit trösten: So schlimm können die Verhältnisse nicht sein, wenn doch die Kirchen daran mitwirken, sie zu gestalten.

Diese nachgiebige Haltung hat nun allerdings eine überraschende Pointe: Nach Jahren des Zuschauens und Mitmachens müssen die kirchlichen Träger erleben, dass sie aus dem Markt gedrängt werden: von privaten Anbietern, die noch bedenkenloser von Leiharbeit und Outsourcing Gebrauch machen und die Wartungsarbeiten an den Körpern ihrer Schutzbefohlenen noch effizienter rationalisieren. Es sind diese Anbieter, die der Gesundheitsminister offenbar im Blick hat, wenn er über "zweistellige Renditen für Finanzinvestoren und Kapitalgesellschaften" in der Pflegebranche spricht.