Marl ist eine kleine Stadt im Ruhrgebiet, die sich von anderen kleinen Städten in Deutschland nicht sonderlich unterscheidet, außer durch eines: Marl ist die Hauptstadt der Diebe.

Das jedenfalls ist der Eindruck, den der Hauptkommissar Frank Baumann im Herbst des Jahres 2016 bekommt. Baumann, ein gedrungener Mittfünfziger mit Schnauzer, der gern Jeans und Karohemd trägt, ist bei der Polizei in Marl der Spezialist für Eigentumsdelikte, und in jenen Monaten rufen Dutzende Kollegen aus halb Deutschland bei ihm an und sagen fast immer das Gleiche: "Wir haben hier schon wieder einen Ladendieb aus Marl."

Seine kleine Stadt scheint das Hauptquartier einer sehr merkwürdigen Bande zu sein, das ist die Ahnung, die Baumann damals überkommt. Einer Bande, die nicht Banken oder Geldtransporte überfällt, die sich auch nicht für Juweliere oder Uhrengeschäfte zu interessieren scheint – sondern für Drogeriemärkte. Aber was gibt es dort schon Wertvolles zu stehlen?

Fast ein Jahr später, der frühe Morgen des 22. September 2017. Nicht nur in Marl, auch in anderen Städten des Ruhrgebiets pirschen sich Polizisten an Häuser heran, insgesamt sind 365 Beamte im Einsatz, unter ihnen vermummte und bewaffnete Spezialkräfte. Sie stehen jetzt zum Beispiel vor einem unsanierten Altbau in der Haldenstraße in Gelsenkirchen. Drinnen in der Erdgeschosswohnung brennt Licht, durch das Küchenfenster sieht man hellblaue Pappschachteln, gestapelt auf Tischen, Stühlen, dem Boden. Das also ist es, was die Diebe gestohlen haben.

Um Punkt 6 Uhr knistert aus den Kopfhörern das Kommando: Zugriff!

Die Polizisten brechen die Tür auf und stürmen in die Wohnung. Hinter den aufgetürmten Pappschachteln schlafen vier Männer. Einer von ihnen ist Lucian M., 33 Jahre alt, ein in Bukarest geborener Rumäne. Monatelang ist Hauptkommissar Baumann seiner Spur gefolgt. Lucian M., so viel weiß Baumann inzwischen, ist der Chef der Diebe.

In den hellblauen Schachteln befindet sich ein weißes Pulver, das Kokain sein könnte. Oder Crystal Meth. Oder Crack. Oder irgendeine andere Droge, ebenso gefährlich wie wertvoll. Die Schachteln, sie könnten also der Täuschung dienen, stehen auf ihnen doch diese harmlosen Wörter: "Anfangsmilch", "von Geburt an", und daneben der Schriftzug "Aptamil". Milchpulver für Babys. Ungefährlich und wertlos. 400 Packungen allein in der Altbauwohnung in Gelsenkirchen. Die perfekte Tarnung.

Aber es ist keine Tarnung, auch das hat Frank Baumann zu diesem Zeitpunkt schon herausgefunden. In den Schachteln ist tatsächlich Milchpulver für Babys. Und dieses Pulver ist tatsächlich ungefährlich. Nur wertlos ist es nicht. Im Gegenteil.

Kurz erklärt - Die Methoden der Milchpulvermafia Ein kriminelles Netzwerk stiehlt seit Jahren Babynahrung aus deutschen Drogerieregalen. Wie die Diebe das weiße Pulver bis nach China schaffen, zeigt unser Video.

Aptamil ist in den Fokus weltweit agierender Krimineller geraten, so unglaublich das klingt. Was Lateinamerika für das Kokain, ist Deutschland für die Babynahrung: der Ursprungsort eines weißen Pulvers, mit dem sich gigantische Gewinnspannen erzielen lassen. In den Filialen der Drogerieketten dm und Rossmann raffen die Täter ihre Beute zusammen, um sie danach an den Augen von Polizei, Zoll und Behörden vorbei ins Ausland zu schmuggeln.

Es ist ein millionenschweres Geschäft. Ermittler schätzen, dass mittlerweile 20 Prozent des Milchpulvers, das in deutschen Drogerien angeboten wird, in den Fängen der Diebe landen. Und wäre da nicht dieser aufmerksame Hauptkommissar in einer Stadt bei Recklinghausen mit knapp 90.000 Einwohnern – gut möglich, dass nichts davon je ans Licht gekommen wäre.

Deutschland: Ein Kommissar steht vor einem Rätsel – und die Jagd nach den Dieben beginnt

Wenn Frank Baumann heute berichtet, wie er nach und nach die Strukturen des Verbrechens aufklärte, dann wirkt er immer noch überwältigt. Baumann hatte etwa 20 Fälle von Dieben gesammelt – immer Rumänen, immer Aptamil –, als einer anfing zu plaudern. Er war im Dezember 2016 in Karlsruhe ertappt worden und erzählte im Verhör von seinem Boss. Von dem sei er nach Deutschland gelockt worden, nach Marl. Nun habe er Schulden beim Boss, deshalb werde er auf Diebestour durchs ganze Land geschickt. Jeden Abend müsse er die gestohlene Babynahrung abgeben.

Zunächst kann Kommissar Baumann damals kaum glauben, dass es wirklich um Aptamil gehen soll: ein Pulver aus Molke, Magermilch, Laktose und pflanzlichen Ölen, angereichert mit Vitaminen und Mineralstoffen, bestimmt für die kleinen Mägen von Säuglingen. Baumann fragt sich, was das Motiv sein könnte. Sind die Rumänen womöglich so arm, dass sie für ihre eigenen Babys stehlen und das Zeug heimschicken? Dass irgendjemand Interesse daran haben sollte, den Rumänen dieses Pulver im großen Stil abzukaufen – Baumann vermag es sich nicht vorzustellen. Wer sollte das sein?

Eines aber weiß der Hauptkommissar nach der Aussage des in Karlsruhe geschnappten Diebes: Es gibt in seiner Heimatstadt jemanden, der all das Aptamil sammelt, eine Art Hehler. Den will er finden. Er darf eine Ermittlungskommission bilden, er selbst plus zwei Kollegen. Sie nennen sich "Comanda" – rumänisch für "bestellen".

Die drei Polizisten observieren rund um die Uhr das Haus in der Victoriastraße 175 in Marl, von dem der ertappte Dieb gesprochen hat, ein heruntergekommenes Gebäude an einer viel befahrenen Straße. Hier wohnt damals Lucian M. Gegenüber lebt eine freundliche ältere Dame, sie erlaubt den Ermittlern, eine Videokamera in ihrem Fenster aufzustellen. Die Kamera zeichnet auf, wie Abend für Abend Autos vor dem Eingang halten und hellblaue Schachteln ins Haus gebracht werden.

Wir brauchen mehr als nur eine Kamera, beschließt Baumanns Team. Wir brauchen Minen.

Minen – so nennen die Ermittler GPS-Peilsender, kleine Kästen aus Metall oder Plastik, so groß wie Zigarettenschachteln. Die drei Polizisten kleben sie unter die Autos der Rumänen – und staunen über die Wege, die von den Pulverdieben zurückgelegt werden. Oft bekommen die Beamten ein Signal weit aus dem deutschen Süden oder dem Norden. Sieben-, achtmal pro Tag signalisiert der Peilsender Stillstand. Selten länger als 30 Minuten.

Polizeiarbeit ist mühsam, das wird aus Baumanns Erzählung und aus den Ermittlungsakten deutlich. Die Beamten kennen die Täter, sie kennen ihre Autos, sie wissen um die hellblauen Schachteln und deren Inhalt. Aber wie sollen sie den Diebstahl nachweisen? Es hilft nichts, die Ermittlungskommission "Comanda" muss ins Detail gehen, muss über Google Maps die genauen Routen der Diebe nachzeichnen. Irgendwann wird so ein Muster deutlich: Die Autos halten nur in Städten an – und nur wenn eine Drogerie in der Nähe ist, ein dm-Markt oder eine Rossmann-Filiale.

An manchen Tagen steigen die drei Kommissare selbst ins Auto und fahren den Rumänen nach, einmal bis nach Stuttgart, ein anderes Mal Richtung Küste. "Aber das ist nicht so wie im Film, wo zwei Polizisten zwei Kriminelle verfolgen", sagt Frank Baumann. "In Wirklichkeit fuhren einige Autos hinterher, weil wir uns ständig abwechseln mussten, damit die Verdächtigen nichts merkten." Baumann weiß: Einen Diebstahl persönlich beobachtet zu haben ist wichtig für die Beweisführung in einem möglichen Prozess.

Wenn sie den Weg der Rumänen nur per GPS überwachen, rufen die Beamten später in den Drogerien an. Sie müssen sich beeilen, denn falls in den Läden Überwachungskameras hängen, werden die Aufzeichnungen meist nach 48 Stunden gelöscht. Ob da Aptamil in den Regalen fehle? Die Filialleiter müssen oft erst auf den Diebstahl aufmerksam gemacht werden.

Die Ermittler wollen es jetzt wissen, sie greifen zu einer weiteren Methode: Telefonüberwachung von Lucian M. und seinen Dieben. Bis eben noch waren die Beamten damit beschäftigt gewesen, Einbruchsanzeigen von Marler Hausbesitzern aufzunehmen. Nun kommen sie morgens um sechs auf die Dienststelle, ein eingespieltes Team, sie wechseln sich ab. Einer setzt sich an die Telefonprotokolle der Dolmetscher. Der zweite wertet die GPS-Daten der Autos aus. Der dritte spult sich durch die Überwachungsvideos. Dann kontaktieren sie die zuständigen Landeskriminalämter und bitten darum, Beamte in die Drogerien zu schicken und Strafanzeigen aufzunehmen. "Meistens war das erfolgreich", sagt Baumann.

Die Ermittlungskommission "Comanda" stellt vom 22. Februar bis zum 22. September 2017 einen Schaden von 1,5 Millionen Euro in 274 Fällen fest. Sie hört 27 Telefonleitungen ab, observiert vier Häuser rund um die Uhr und verfolgt acht Autos mit Peilsendern. Die drei Polizisten ermitteln 80 Verdächtige. Und machen dabei 500 Überstunden.

"Irgendwann haben wir eine riesige Tapete aufgehängt", sagt Frank Baumann. Darauf lauter Fotos der Diebe und ihre Spitznamen, eine Frau wird am Telefon mit "Pupi" angeredet, ein Mann heißt "Tarzan". Die Polizisten zeichnen Linien auf ihre Tapete, die Verbindungen zwischen den handelnden Personen. So ist bald eine Hierarchie zu erkennen. Ganz oben steht derjenige, von dem die Ermittler glauben: Das ist der Boss der Bande. Lucian M.

Viele Ermittlungsstränge können die Polizisten nicht weiterverfolgen, zum Beispiel Hinweise auf andere Banden, mit anderen Bossen. Drei Beamte aus Marl, das ist einfach zu wenig im Kampf gegen die internationale Kriminalität. Und dann flüchten einige Täter auch noch ins Ausland, als sie von der Razzia in Gelsenkirchen erfahren.