Fall geklärt? Fast. Am Ende stand Frank Baumann noch vor einer letzten Frage. Wie gelang es Lucian M., die Unmengen an Aptamil, die ihm seine Diebe verschafften, überhaupt nach China zu den Zwischenhändlern zu bringen? So viel Milchpulver konnte unmöglich per Post verschickt werden.

Alle drei bis vier Tage, immer in der Dämmerung, trat Lucian M. aus der Tür, lud die hellblauen Aptamil-Schachteln in seinen Renault Espace und fuhr auf die Autobahn Richtung Westen. Wohin genau, das vollzogen Kommissar Baumann und seine Kollegen über ihre Peilsender nach. Folgt man heute der Spur der Telefonnummern, die Lucian M. wählte, wenn er sein Diebesgut loswerden wollte, landet man im ruhigen Norden Rotterdams.

Niederlande: Das Pulver geht auf die Reise – und eine Frau in Steppjacke hat nichts damit zu tun

Im Stadtteil Overschie stehen schmale Erkerhäuser aus Backstein um einen kleinen Park, in der Mitte ein Teich. Am Ufer watscheln Nilgänse. Ältere Damen grüßen einander im Vorbeigehen.

Hier in Overschie betreibt eine chinesische Geschäftsfrau einen winzigen China-Imbiss. Das schmuddelige Bistro sieht nicht aus, als könne man damit reich werden – doch die Geschäftsfrau hat sich kürzlich ein Reihenhaus am Rand des Viertels gekauft. Schmale gepflasterte Wege führen zwischen den Neubauten hindurch. Eine zierliche Frau in rosa Steppjacke, etwa Mitte 30, tritt nichts ahnend aus ihrem Haus. Auf die Frage nach Aptamil reagiert sie erschrocken. "Was für Milch? Das sagt mir nichts!" Dann muss sie schnell los, angeblich ihre Kinder abholen.

In Wahrheit gehört die zierliche Chinesin zum weitverzweigten Netzwerk einer deutschen Exportfirma, die Waren aus Drogerien und Apotheken nach China transportiert: Sebamed-Deo, Bepanthen-Heilsalbe, Doppelherz-Aktiv-Meno-Tabletten. Dieser Firma hat Lucian M. sein geklautes Milchpulver geliefert.

Man traf sich immer spätabends im Gewerbegebiet Spaanse Polder. Per SMS wurden die Verkäufer mit der Ware aus Deutschland hergelotst, die Nachrichten kamen unter anderem vom Handy der Chinesin.

Von Spaanse Polder sind es nur zehn Minuten bis zu den ersten Containerlagern. Der Hafen von Rotterdam zieht sich 40 Kilometer entlang der Neuen Maas gen Westen. Kräne, groß wie Hochhäuser, verladen die Container, Roboter transportieren sie vollautomatisch weiter. Pro Minute werden in diesem Hafen, dem größten Europas, 26 Container umgeschlagen, ein Warenstrom, den kaum einer überblicken kann. Für die Hafenbehörden ist es schwer genug, Rauschgift, Menschen oder Waffen aus den Containern zu fischen. Wer will da nach gestohlener Babymilch suchen? Die niederländischen Behörden jedenfalls nicht. Vertreter von Zoll und Polizei schieben sich in Gesprächen mit ZEIT ONLINE gegenseitig die Verantwortung zu: Darum müsse sich der jeweils andere kümmern.

Deutsche Ermittler vermuten, dass manche Speditionen Aptamil-Hehlern dabei helfen, das Diebesgut irgendwo im Hafen auf ein Containerschiff zu bringen.

All die Hintermänner und Mitspieler, die Zwischenhändler und undurchsichtigen Import-Export-Firmen – sie sind vor dem Essener Landgericht nicht angeklagt. Nur Lucian M. und sieben seiner Diebe. Vieles von dem, was Frank Baumann aufgeklärt hat, wird vielleicht niemals vor einem Gericht zur Sprache kommen.

Als die Strafrichter ihr Urteil verkünden, sind vier der acht schon auf Bewährung frei. Claudia D. und Bogdan A., die Meisterdiebe, werden mit je zwei Jahren und vier Monaten Gefängnis bestraft. Als Mitglieder einer Bande – die härter bestraft würden – sehen die Richter sie nicht, sondern eher als illegale Unternehmer, die Milchpulver geklaut und an diverse Hehler verkauft haben. Der von Lucian M. angelernte Buchhalter kommt mit einer Bewährungsstrafe davon, nach einem emotionalen Plädoyer seiner Anwältin: Die Diebe hätten doch Gutes bewirkt. Durch ihr Tun seien chinesische Babys in den Genuss hochwertigen Milchpulvers gekommen.

Schließlich Lucian M. selbst. Ihn sieht das Gericht durchaus als "Kopf einer bandenähnlichen Struktur" – als tatsächlicher Bandenboss wird er nicht verurteilt. Denn die Diebstähle, über die das Gericht verhandelte, wurden stets von zwei Tätern begangen, kein dritter stand Schmiere. Eine Bande im juristischen Sinne besteht aber aus mindestens drei Personen. Also nur: drei Jahre und drei Monate Gefängnis wegen gewerbsmäßiger Hehlerei.

Frank Baumann ist enttäuscht, als er von dem Urteil hört. Auch wenn die Haupttäter einsitzen müssen – er hätte sich höhere Strafen gewünscht, zur Abschreckung.

Kollegen von ihm in Schleswig-Holstein haben kürzlich neue Milchpulver-Diebe entdeckt. Diesmal aus Albanien. Und auch Baumann ist schon an den nächsten dran. Mehr darf er noch nicht verraten, nur so viel: Am Ende landete die Beute natürlich in China.

*Name von der Redaktion geändert

Mitarbeit: Kai Biermann, Guido van Eijck

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