Sie wollten Zweifel säen und haben Zustimmung geerntet. Diese fiel so laut trampelnd aus, dass man sie für demonstrativ halten konnte. Gemessen an den kulturkampflustigen Buh-Duschen, die das Hügel-Publikum den Regisseuren schon aus Gründen der Traditionspflege verabreicht, wurde der alles in allem zähe Lohengrin-Abend, den das Malerpaar Neo Rauch und Rosa Loy sowie der amerikanische Regisseur Yuval Sharon zur Eröffnung des neuen Festspieljahrgangs veranstaltet hatten, doch mehr als milde durchgewinkt.

Dass da einer, vom Schwan gezogen, einer Jungfrau in höchster Bedrängnis beispringt, ihr seine Liebe erklärt und zugleich das Fragen verbietet, dass die Frau dann nach der Hochzeit natürlich doch fragt und der Mann vom Gral daher wieder traurig abziehen muss: Das wollen sie uns wohl nicht mehr weismachen in Bayreuth. Der Einbruch des Numinosen in eine heillose wirkliche Welt, den Wagner uns obsessiv vor Augen stellt, zuerst im Holländer, vor allem aber im Lohengrin, er wird als fauler Zauber entlarvt. Da kann der wundersame Piotr Beczała sein schönstes, schmeichelndstes Piano dieser Elsa, den Chor-Menschen von Brabant, ja uns vormachen; kann, wenn er schließlich vom "fernen Land" erzählt, auf dem Wort "Taube" alle Betörungskunst des Leisen aufbieten – ihm darf hier nicht über den Weg getraut werden.

Er habe, sagte der Maler Neo Rauch, über Jahre die Lohengrin-Musik in seinem Atelier gehört, berauschend schön. Das Vorspiel so unbedingt blau, fast wie bei Nietzsche, der schon davon schwärmte. Schön blau hat er einen Rundhorizont gemalt, mit Wolken und Licht von irgendwo oben, mit dunklen Friedhofsbäumen und nächtlichem Blick übers Wasser. Aussichten auf deutsche Romantik, von Reinhard Traub magisch beleuchtet. Es könnte so schön sein, darf es aber nicht. Denn zwar ist das Volk sofort dabei, diesen Mann mit Turboschwan als Wunder anzuerkennen. Er ist es ja, der ihre alte Trafostation, die hier als zentrales Bühnenmöbel dient, endlich wieder unter Strom setzt. Diese Krieger und Bürger sehen auch aus wie gemalt, aber nicht Leipziger, sondern mehr flämische Schule. Der Regisseur hat sie ordentlich hingestellt in Reih und Glied und in gnadenloser Zentralperspektive, Block rechts, Block links, sodass man sich zurückversetzt fühlt in die Zeit, als Wolfgang Wagner hier noch für Ordnung sorgte. Sie bewegen sich gern synchron und stereotyp, und sehr gelegentlich, wenn etwa ein paar nicht ganz gleich ausgestreckte Huldigungshände korrigiert werden, gibt es ein kleines Ironie-Signal. Vor allem aber stehen sie da und in der milchig blauen Gegend herum.

Zu den Rätseln des Abends gehört, warum der Nachteil dieser szenisch so langweiligen Statuarik sich musikalisch nicht auszahlt, denn der viel und meist zu Recht gelobte Festspielchor hat am Premierenabend einige überraschend verschwommene Momente. Vielleicht lag es an Christian Thielemanns etwas überdeutlicher Ambition, seinen ersten Bayreuther Lohengrin immerzu wie aus träumerischer Ferne herüberklingen zu lassen und die Traurigkeit des Endes schon über die Staatsaktionen des ersten Aufzugs zu legen. Es sollte eben nicht knallen. Das tat es auch nicht, aber auf Kosten dramatischer Akzente. So gab es manches berückend Einzelschöne, gelegentlich eine eindrucksvolle Tiefenstaffelung, vieles aber lahmte unbegreiflich. Und das trotz Georg Zeppenfeld, der die vielen großen Worte, die der König Heinrich zu singen hat, einem ziemlich uninteressant schwachen Volksanführer anhängen muss, wenn auch mit lustigen Insektenflügeln. Auch trotz Anja Harteros, deren Elsa an stimmlicher Reinheit verloren, aber an kluger Wortdeutungsintensität gewonnen hat. Was man von dem meist grimmig brüllenden, dann gelegentlich unschön verschlagen säuselnden Telramund von Tomasz Konieczny nicht sagen kann.

Zu den üblichen Bayreuther Medien-Narrativen gehörten im Fall dieses neuen Lohengrin die Absage-Dramen, als erst der Regisseur Alvis Hermanis, dann der als Tenor-Star vorgesehene Roberto Alagna, so oder so überfordert, nicht erschienen. Dagegen stand die Rückkehr der vor 18 Jahren im Zwist geschiedenen Waltraud Meier als Ortrud – die es gegen die Erinnerung an ihre eigenen Meriten gerade hier schwer hatte und trotz fehlender Dunkelfarben gefeiert wurde, fürs Lebenswerk. Und dagegen stand auch die ausgestellte Harmonie des Leitungsteams. Womöglich fehlte es, trotz ostentativen Stromfunkenflugs auf der Bühne, im Ganzen und dem Ganzen an Spannung.

Vermutet wurde, es sollte uns in diesem Lohengrin, in nächtlicher Bläue, ein Märchen erzählt werden. Dagegen spricht, dass eigentlich gar nicht erzählt wird, sondern vor allem Tableaus aufgerichtet werden. Diese aber nehmen das zentrale Märchenmoment aus dem Spiel: Es gibt ja kein Wunder. Elsa zweifelt von Anfang an, und dann versucht dieser Unglücksvogel sie im Brautgemach platterdings sogar zu fesseln, sodass ihr Verstoß gegen das verbotene Fragen als Befreiung erscheint und die böse Ortrud als Verbündete. Als der Blassblaue abfährt, sinkt nicht Elsa zu Boden, wagnerisch "entseelt", sondern das Volk. Und dann erscheint, der Nächste bitte, eine Art grünes Ampelmännchen mit einem leuchtenden Kaktus. Das ist albern und kommt als Gegenfarbe zum allzu schönen Wunderblau viel zu spät. So bleiben Ideologiekritik und Frauenpower Programmheftbehauptungen, szenisch überwiegt die Einladung, daran vorbeizusehen, auf nett gut aussehende Arrangements. Sie wurde, auf den Holzboden des Bayreuther Parketts stampfend, dankbar angenommen.