Eine Mutter

Ich bin fünffache Mutter, habe auch beruflich mit Kindern zu tun. Deshalb war ich überzeugt, dass ich die beiden Kinder meines neuen Partners wie eigene annehmen und lieben kann. Nach zweieinhalb Jahren muss ich gestehen: Das ist eine Illusion. Es gibt Momente, in denen ich mir wünsche, es gäbe sie nicht.

Die beiden sind alle 14 Tage übers Wochenende bei uns. Schon Tage vorher bin ich angespannt und schlafe schlecht. Unser Problem: Seine Kinder sind ganz anders erzogen als meine. Sie sind daran gewöhnt, dass ihre Wünsche sofort erfüllt werden, dürfen alles selbst entscheiden, müssen aber keinerlei Aufgaben übernehmen.

Konflikte entstehen oft im Alltag. Ihre Mutter legt keinen Wert auf gesunde Ernährung. Am liebsten essen die Kinder Nudeln mit Pesto. Keine Kartoffeln, keine Soßen, kein gekochtes Gemüse. Ich habe viel darüber nachgedacht, was ich kochen soll, damit sie es mögen. Inzwischen ist es mir egal. Ein anderes Thema, bei dem es immer knallt: das Duschen. Seine Kinder weigern sich, sie finden, der Wasserstrahl sei zu hart. Es kommt vor, dass sie, von ihrer Mutter kommend, zehn Tage lang keine Haare gewaschen haben. Ich unterstelle meinem Freund und dessen Ex, dass sie möglichst wenig Arbeit mit den Kindern haben wollen. Die ständigen Diskussionen gehen über meine Kräfte und rauben mir die Zeit und Aufmerksamkeit, die ich für meine eigenen Kinder brauche. Mein Freund und ich streiten deshalb viel. Er reagiert mit Schulterzucken, so seien seine Kinder halt. Was für ein Quatsch! Seit wir zur Paartherapie gehen, fällt es mir leichter, zu sagen: Es sind deine Kinder, ich bin nicht verantwortlich.

Gefühle für die beiden zu entwickeln fällt mir schwer. Für meine Kinder würde ich mir Arme und Beine abschneiden lassen. Für seine nicht. Das muss ich aussprechen dürfen. Und wenn ich gar nicht mehr kann, zieht mein Freund mit den Kindern in eine Ferienwohnung.

Ein Vater

Seitdem meine Ex-Frau und ich uns vor gut drei Jahren getrennt haben, leben unsere beiden Kinder in zwei Welten. Sie haben ein Leben mit ihrer Mutter und eins mit mir und meiner neuen Freundin. Wenn meine Kinder nicht bei mir sind, vermisse ich sie sehr.

Die ersten zwei Jahre war die Betreuung gleich aufgeteilt, nach einem unschönen Rechtsstreit sind die Kinder nun mehr bei der Mutter als bei mir. Ich habe sie an einem Nachmittag in der Woche und jede zweite Woche von Mittwoch bis Montag.

Am Übergabetag spüre ich schon morgens eine unbändige Vorfreude. Zuerst hole ich die Große aus der Schule, sie kommt die Treppe heruntergerannt und wirft sich in meine Arme. Es ist schön, zu sehen, wie sehr sie sich freut. Gleichzeitig merke ich, was mir an den anderen Tagen fehlt. Denn da gibt es keinerlei Kommunikation. Meine Ex-Frau und ich haben noch immer ein schwieriges Verhältnis. Dabei würde ich zwischendurch gern hören, wie es meinen Kindern geht. Als ich neulich eine Gruppe Kinder auf Fahrrädern gesehen hab, dachte ich: Ach, am Wochenende könnten wir ’ne Radtour machen. So etwas würde ich ihnen gern sagen.

Ich weiß aber auch, dass es dabei um meine Bedürfnisse geht. Die Kinder sollen sich nicht noch dafür verantwortlich fühlen, dass ich sie vermisse. Darum sind die Abschiede innig, aber kurz. Auch wenn ich sie am liebsten wieder einpacken würde, sie sollen das Gefühl haben, gehen zu dürfen.

Natürlich ist das für mich hart. Ich sitze allein im Auto, hab noch die Kinderstimmen im Ohr. Wenn ich abends nach Hause komme, ist die Lücke überall greifbar: Die Betten sind leer, die Spielzeuge liegen herum. Ich höre die Kleine lachen, seh die Große, wie sie in ein Buch vertieft ist. Ich gebe jede Woche etwas ab, was eigentlich zu mir gehört. Ein Trost ist, dass die Bindung zu den beiden durch die Trennung enger geworden ist. Ich weiß nun, dass mein Leben nur vollständig ist, wenn meine Kinder um mich sind.