Das Finale auf Sylt, für so einen Anlass ist das perfekt. Der Lamborghini-Club hat seine Karossen in Kampen neben dem Gogärtchen geparkt, die Privatjets donnern im Zehn-Minuten-Takt in Richtung Tinnum, zum Flughafen.

Ich fahre nach List, weil dort die MS Europa vor Anker gegangen ist. Herbert Seckler, der Besitzer der Sansibar, richtet auf dem Kreuzfahrtschiff eine Party aus. Das Catering ist üppig an der Grenze zum Größenwahn. Kaviar, Austern, Schampus aus Magnum-Flaschen. Das Publikum: Kreuzfahrtgäste und Prominenz aus Hamburg, die verlässlichen Akteure des Fernseh- und PR-Betriebs.

Was Sylt immer kann, ist Wind. Die Frisuren der Ladys werden kräftig gezaust an diesem Abend. Manfred Baumann, der einstige Werbezar (im Boulevard-Jargon ist man bei entsprechendem Status irgendwann entweder Zar oder Titan oder kriegt das Präfix "Kult") und Ausrichter des legendären Krebsessens auf seinem Anwesen in Morsum, sieht ein bisschen aus wie Donald Trump, weil ihm die blonde Matte von der Brise immer nach vorn gestriegelt wird. Er macht es mit dem Outfit wett: blauer Blazer, Einstecktuch in Rosa, weiße Hose, blaue Wildlederslippers ohne Socken.

Ich habe versucht, eine Einladung zu ergattern bei Baumann, aber er hat mich abblitzen lassen. Letztlich bin ich ihm dankbar dafür, weil ich mir so mein Bild der Hamburger Upperclass erhalten kann: Alle sind exquisit gekleidet, machen mit norddeutscher Kantigkeit veredelten Smalltalk und kannten Helmut Schmidt.

Society, das habe ich in den drei Jahren als Autor dieser Kolumne gelernt, hat viel mit Projektion zu tun. Sehen und gesehen werden heißt eben genau das: schauen, träumen, der Fantasie ihren Spielraum lassen.

Irgendwann, zwischen einem komischen Lyrik-Wettbewerb, bei dem Prominente Gedichte vortragen, und einem Auftritt von Boney M., einer Band, die ich schon als Kind ulkig fand, sehe ich dieses Paar. Er: schütteres Haar, blau-weiß gestreiftes Hemd, schwarze Hose. Sie: azurblaues Kleid, Lackpumps, rosa Sonnenbrille.

Wir kommen ins Gespräch. Rudolf Henninger ist 98, Anita Zender ist 83. Beide sind leidenschaftliche Kreuzfahrer, zum 19. Mal touren sie übers Meer. Im Saarland haben sie in jahrzehntelanger Arbeit ihre Unternehmen aufgebaut. "Ich bin unglaublich fit", sagt sie und zwinkert der Fotografin zu. Er sagt, er sei bis vor Kurzem noch Trampolin gesprungen und gehe nicht gern zum Arzt.

Dann erzählen sie: von ihrer Familie, von den Kindern und Enkeln, vom Glück, beisammen zu sein. "Das Schicksal hat es gut gemeint mit uns", sagt er, und das ist der Moment, in dem mir klar wird, dass ich wirklich in bester Gesellschaft bin.