ZEIT: Der amerikanische Evolutionsbiologe Steven Pinker argumentiert in seinem viel beachteten Buch Aufklärung jetzt anders als Sie. Gegen den vorherrschenden Pessimismus beschwört er den historischen Fortschritt der Menschheit.

Nowotny: Empirisch hat Pinker recht mit seinen Befunden: Es gibt weniger Alltagsgewalt und Kriege, die Kindersterblichkeit ist weltweit zurückgegangen, die Menschheit ist besser gebildet und gesünder denn je, wir im Westen leben länger und auf einem Niveau, das vorherige Generationen nicht für möglich gehalten hätten. Aber Pinker übersieht, wo es bergab geht, also beim Klima- und Umweltschutz, und er übersieht die Wechselwirkungen, die dadurch entstehen. In komplexen Systemen muss man die Negativa einrechnen!

ZEIT: Welche Rolle spielt die Technik?

Nowotny: Eine große Rolle, denn sie erhöht unsere Anfälligkeit. Nehmen Sie Fukushima: Ein Seebeben führt zu einem Tsunami, der ein Kraftwerk überschwemmt – und in Deutschland die Energiewende auslöst. Im Nachhinein kann man immer sagen, was wozu geführt hat. Es vorherzusagen ist angesichts der Komplexität extrem schwer.

ZEIT: Durch Stresstests, Szenarioanalysen oder Simulationen werden doch die Prognosen besser!

Nowotny: Durch Komplexitätsforschung lässt sich die Ungewissheit besser ausleuchten. Damit aber wachsen wiederum die Ansprüche. Dann heißt es: Warum hat niemand Fukushima vorhergesehen? Wir stecken sozusagen in einem Wettrennen zwischen der Komplexität, die wir steigern, und dem Versuch, sie wieder in den Griff zu bekommen.

ZEIT: Ist die Zeit des Fortschritts also vorbei?

Nowotny: Nein, aber es geht nicht so linear, wie wir das früher annahmen: dass die Technik unser Leben leichter mache, der Markt für allgemeinen Wohlstand sorge oder die Demokratie sich weltweit durchsetze. Hinzu kommt: Mit jedem Fortschritt verändern sich unsere Ansprüche.

Helga Nowotny analysiert das mit einem leichten Lächeln. So als sei die gebürtige Wienerin leicht belustigt darüber, wie die Menschen in den westlichen Gesellschaften sich in ihren Gewissheiten eingerichtet haben. Der österreichisch gefärbte Ton ihrer Worte lässt die ungemütlichen Diagnosen fast sympathisch klingen. Man ahnt, warum ihr Rat allerorten gefragt ist und wie diese Frau sich in der Männerdomäne der Wissenschaftsorganisationen behaupten konnte.

ZEIT: Sie selbst scheinen eher gelassen.

Nowotny: Was mich vor großer Verwunderung bewahrt, ist wohl die Tatsache, dass ich viel herumkomme. Jedes Jahr bin ich etwa ein paar Wochen als Visiting Professor in Singapur. Der kleine Stadtstaat hat kaum Ressourcen, nicht genug Land, eine Vergangenheit als bitterarmes Land unter britischer Kolonialherrschaft. Zugleich habe ich das Wort Zukunft nie so oft gehört wie dort. Stets fragt man sich: Wie können wir uns auf das Unerwartete vorbereiten? Was können wir von anderen lernen? Die Ungewissheit ist Teil des Gesellschaftsverständnisses.

ZEIT: Singapur ist ein straff regierter Stadtstaat ...

Nowotny: Mir geht es nicht ums Vergleichen, ich möchte nur sagen: Diese Dynamik der Singapurer, gepaart mit dem Bewusstsein der eigenen Verwundbarkeit, fehlt uns.

ZEIT: Wie verwundbar wir sind, erleben wir gerade ziemlich heftig. Wo werden wir das noch erleben?

Nowotny: Ich glaube, die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Arbeitsleben kommen schneller und heftiger, als wir gemeinhin denken. Etwa im Gesundheitswesen: Wenn die Computer besser in der Diagnose sind als Ärzte, wird das massive Auswirkungen haben auf den Medizinerberuf, aber auch auf die Abläufe in Krankenhäusern oder die Organisation der Krankenversicherung. Da entstehen riesige Probleme in einem Bereich, der bisher in Deutschland gut funktioniert hat.

ZEIT: Da kommt also etwas auf uns zu, wir wissen aber nicht genau, was. Wie kann man sich auf diese Ungewissheit einstellen?

Nowotny: Wichtig ist Flexibilität. Wir müssen lernen, Umwege zu machen und Risiken einzugehen. Damit tun wir uns schwer, weil unsere Politik und unsere Bürokratie stark an Regeln hängen.