ZEIT: Mehr Anarchie wagen also?

Nowotny: Nein, es geht um eine neue Balance zwischen Regelhaftigkeit und der Offenheit, Dinge infrage zu stellen, die bisher gut funktioniert haben – aber jetzt möglicherweise überholt sind. Wenn zum Beispiel Deutschland damals in der Griechenland-Krise flexibler gewesen wäre und nicht so sehr auf die Regeln gepocht hätte ...

ZEIT: ... dass es keine Ausnahmen gibt und Griechenland seine Schulden zurückzahlen muss ...

Nowotny: ... dann wäre uns einiges erspart geblieben. Fragen künftige Historiker, wann die jetzige europäische Krise angefangen hat, dann werden sie wohl dieses unnachgiebige Pochen auf die Regeln nennen, das viele europafeindliche Kräfte befeuert hat.

Die Ungewissheit "öffnet den Riss in der Wand, durch den das Neue dringt", hat Nowotny geschrieben. Die Ungewissheit sei eine "subversive Kraft, bereit, uns zu dienen, wenn wir bereit sind, mit ihr zu gehen" .

ZEIT: In Ihrem Buch raten Sie dazu, die Ungewissheit zu umarmen. Das mag der moderne Mensch aber nicht so gern.

Nowotny: Ich glaube, die meisten von uns standen im Leben schon vor Entscheidungen, die uns schwerfielen, in denen es uns trotz aller Mühen nicht gelang, rational oder emotional zu einem klaren Entschluss zu kommen. Am Ende haben wir Zufall oder Schicksal entscheiden lassen und sind damit irgendwie klargekommen. Auch das heißt: die Ungewissheit umarmen.

ZEIT: Aber kann das eine ganze Gesellschaft? Das größte Aufsehen erzielen im Moment politische Bewegungen, die eine Rückkehr zu alten Regeln und Gewissheiten versprechen.

Nowotny: Das ist eine Sackgasse. Die Sehnsucht nach dem, was früher angeblich besser war, bringt uns nicht weiter. Was uns fehlt, ist eine positive Zukunftsvision. Die können wir aber erst entwickeln, wenn wir den Status quo infrage stellen.

ZEIT: Wie kann man das fördern?

Nowotny: Wir brauchen mehr Freiräume zum Denken und Ausprobieren. Ich war gerade bei einem Workshop im Atelier des dänischen Künstlers Ólafur Elíasson in Berlin – ein ungewöhnliches Treffen von Wissenschaftlern mit Künstlern, die gemeinsam experimentierten. Kaum etwas war vorgegeben, und doch entstanden ungewöhnliche Ideen. Solche Freiräume braucht nicht nur die Wissenschaft, sondern auch Gesellschaft und Politik.

Selbst 16 Jahre nach ihrer Emeritierung ist Nowotny enorm aktiv. Sie reist – stets mit kleinem Gepäck – durch die Welt, lehrt und schreibt Bücher. Eine ihrer Leitideen: der Transfer aus jenem Bereich, den sie ein ganzes Intellektuellenleben lang erforscht hat, hinaus in die gesamte Gesellschaft.

ZEIT: Kann die Wissenschaft ein Vorbild sein?

Nowotny: Das ist mein Plädoyer! Das Interessante an ihr ist ja, dass sie eine Balance gefunden hat: Einerseits ist sie offen für Neues und dafür, ihre Erkenntnisse immer wieder anzuzweifeln und – bei besserer Einsicht – zu verändern. Andererseits bedeutet das nicht, dass alles beliebig wäre. Auf den Stand des aktuellen Wissens können sich die Forscher meist recht schnell einigen.

ZEIT: Was lässt sich daraus lernen?

Nowotny: Wie man Konsens herstellt. Das ist aus meiner Sicht die zweite große Errungenschaft der modernen Naturwissenschaft. Sie hat nicht nur das Prinzip des Experiments entwickelt und die Methode der Empirie. Zugleich erfand sie einen sozialen Mechanismus, um Konsens über ihre Befunde herzustellen. Deshalb wurden die ersten Experimente öffentlich gezeigt, also vor Zeugen aus der Gesellschaft. Und so ist es bis heute: Man hat eine Erkenntnis, diskutiert sie, kritisiert sich gegenseitig und schafft so eine Basis, auf der es weitergeht.