ZEIT: Auf diesen Mechanismus fällt gerade ein Schatten. In der Diskussion um Pseudozeitschriften und das Schlagwort "Fake-Science" wird die Glaubwürdigkeit von Forschern pauschal angezweifelt. Aktuell wirkt die Wissenschaft nicht besonders vorbildlich ...

Nowotny: Der Ausdruck "Fake-Science" ist irreführend. Es geht dabei nicht um eine absichtliche Täuschung der Öffentlichkeit – das wäre wissenschaftlicher Betrug –, sondern um Veröffentlichung von Forschungsarbeiten ohne Qualitätskontrolle durch Peer-Review in "raffgierigen" Zeitschriften. Das ist vor allem in Asien ein Problem, da dort ein enormer Druck herrscht, auf Teufel komm raus zu publizieren. Und hierzulande fallen einige Wissenschaftler darauf rein. Allerdings steht das Peer-Review-System weltweit am Rand des Kollapses, da es die Fülle an Publikationen nicht mehr angemessen verarbeiten kann. Wir sollten daher darauf dringen, die Anzahl wissenschaftlicher Publikationen in den nächsten zehn Jahren zu halbieren, um die Qualität entsprechend zu steigern. Doch da müssen alle mitmachen.

ZEIT: Viele meinen, die Aufgabe der Wissenschaft sei es, gesicherte Erkenntnisse zu verbreiten und Gewissheit zu vermitteln.

Nowotny: Das tut sie ja auch, nur formuliert sie ihre Gewissheiten stets im Bewusstsein ihrer Grenzen. Wenn wir etwa die Frage stellen, ob eine Substanz krebserregend ist, dann lautet die Antwort nicht einfach Ja oder Nein, sondern stets: Unter der Bedingung, dass ... Oder: Zu 70 Prozent ... Oder: Unter dem Vorbehalt, dass ... – Absolute Gewissheit gibt es in der Wissenschaft so gut wie nie.

ZEIT: Das klingt aber erst einmal nach noch mehr Ungewissheit. Nährt das nicht die Skepsis und lässt Wissenschaft für Laien beliebig erscheinen – und was wäre wichtig zu vermitteln?

Nowotny: Die Offenheit dieses Prozesses! Da gibt es Diskussionen, man schaut sich an, ob Studien reproduzierbar sind, überprüft die Details, streitet. So schält sich eine Sicht heraus, auf die man sich bis auf Weiteres einigt.

ZEIT: Das klingt alles sehr geordnet, eben wie im Labor. In der politischen Öffentlichkeit plappern alle durcheinander. Wahrheiten, Halbwahrheiten, Lügen stehen gleichwertig nebeneinander ...

Nowotny: Schon Schüler müssen erkennen lernen, wann ein Argument in den sozialen Medien stichhaltig ist und wann es Stimmungsmache ist. Zudem muss man ihnen stärker beibringen, wie der wissenschaftliche Prozess funktioniert und wie man mit Unsicherheit umgeht, ohne alles infrage zu stellen.

ZEIT: Frau Nowotny, noch einmal persönlich nachgefragt: Sie wirken trotz der Weltlage, trotz der allgemeinen Ungewissheit überhaupt nicht verzagt, sondern geradezu fröhlich. Wieso?

Nowotny: (lacht) Ich habe da ein gewisses Grundvertrauen. Einerseits hatten wir im Laufe der Geschichte der Menschheit noch nie so viele Möglichkeiten, aus uns etwas zu machen. Außerdem denke ich, es war schon ziemlich unwahrscheinlich, dass überhaupt Leben auf der Erde entstand. Noch unwahrscheinlicher war, dass aus diesen Urbakterien die ganze Evolution in Gang kommt. Und unsere eigene Geburt erst, welche Bedingungen da zusammenkommen mussten! Und dass wir es schaffen, heute hier zu sein, miteinander zu reden, uns zu verstehen – da multiplizieren sich die Unwahrscheinlichkeiten geradezu. Das alles ist doch ein Grund, optimistisch zu sein.