DIE ZEIT: Frau Nowotny, früher gab es den Begriff des Sommerlochs. Heute verfolgen einen die schlechten Nachrichten bis in den Urlaub. Manch einer wagt da morgens nicht mehr die Zeitung aufzuschlagen und fragt sich, ob das jetzt immer so weitergeht. Wie lautet Ihre Antwort?

Helga Nowotny: Ich fürchte, wir erleben gerade einen Realitätsschock. Krisen gab es immer schon, doch ebenso ein paar Gewissheiten, auf die wir uns verlassen zu können glaubten: Das deutsche Parteiensystem ist stabil, die USA stehen an unserer Seite, der europäische Einigungsprozess schreitet weiter voran ...

ZEIT: ... am Ende siegt die Vernunft ...

Nowotny: Meinetwegen auch das. Mittlerweile wissen wir, dass diese Sicherheiten nicht mehr gelten. Viele Menschen fühlen sich dadurch überfordert. Aber es hilft nichts: Wir müssen lernen, uns in einer Welt einzurichten, in der unsere Erwartungen viel öfter unterlaufen werden als bisher.

ZEIT: Die Ungewissheit ist Ihr großes Thema. Vor drei Jahren haben Sie dazu ein Buch veröffentlicht – The Cunning of Uncertainty, "Die List der Ungewissheit". Hätten Sie es für möglich gehalten, dass sich danach so schnell so vieles verändert? Trump, Brexit, rechte Populisten im Bundestag, Automanager im Gefängnis ...

Nowotny: Im Einzelnen habe ich das nicht so kommen sehen. Auf der anderen Seite weiß ich, dass die Zukunft immer ungewiss ist und der Zufall in der Geschichte eine große Rolle spielt.

ZEIT: Das klingt nach einem Allgemeinplatz.

Nowotny: Dennoch scheinen die Menschen in den westlichen Gesellschaften verlernt zu haben, das zu akzeptieren. Ökonomen prognostizieren unverdrossen die Konjunkturentwicklung, Politiker sprechen von langfristiger Planbarkeit, Algorithmen berechnen, was wann mit welcher Wahrscheinlichkeit passiert. Und doch kommt plötzlich alles anders.

Helga Nowotny ist eine Ausnahmegestalt in der europäischen Wissenschaftsszene. Als einzige Frau war sie Präsidentin des Europäischen Forschungsrats, des angesehensten Fördergremiums für Wissenschaft in der EU. Sie hat an einem knappen Dutzend Universitäten geforscht, unter anderem in New York und Cambridge, Paris und Wien, Bielefeld, Berlin und zuletzt an der ETH Zürich. Als wir uns zum Gespräch treffen, kommt sie vom Nobelpreisträgertreffen in Lindau. Am nächsten Tag erhält sie die Leibniz-Medaille der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

ZEIT: Warum leben wir in so ungewissen Zeiten?

Nowotny: Der wichtigste Grund ist die stark gewachsene Komplexität. Die Dinge sind viel mehr miteinander verwoben als früher. Nehmen Sie das Finanzsystem. Milliarden werden da in Sekunden über den Globus hin- und hergeschoben, und plötzlich bringt eine Immobilienkrise in den USA die Weltwirtschaft dem Kollaps nahe. Oder die sogenannte Flüchtlingskrise: Ein Bürgerkrieg in Syrien produziert Millionen Flüchtlinge, die bald in deutschen Turnhallen sitzen – und am Ende droht die Europäische Union auseinanderzufliegen. So ändert sich plötzlich vieles, was wir für selbstverständlich gehalten haben.

ZEIT: Warum reagieren wir nicht entsprechend?

Nowotny: Wir schleppen einfach zu viel Gepäck aus der Vergangenheit mit uns herum, als Dinge noch auf eine andere Weise funktionierten. Unsere Institutionen wurden für die Probleme einer anderen Zeit geschaffen.

ZEIT: Zum Beispiel?

Nowotny: Die Digitalisierung verändert grundlegend die Arbeitswelt; durch die sozialen Medien entstehen neue Formen der Partizipation, welche die Demokratie herausfordern; unser Konsumverhalten bringt das Weltklima aus dem Gleichgewicht. Fast täglich erleben wir, dass sich als brüchig herausstellt, was wir als stabil ansahen.