Der Abstieg in die zweite Liga galt beim Hamburger SV lange als größte anzunehmende Katastrophe. Zwar kränkelte der "Dino" der höchsten Spielklasse jahrelang vor sich hin, er entkam dem Untergang aber regelmäßig in letzter Sekunde. In diesem Jahr war es anders. Nach fast 55-jähriger ständiger Zugehörigkeit zur Bundesliga ist seit dem 12. Mai der Mythos vom unabsteigbaren HSV passé. Damit ging auch ein Alleinstellungsmerkmal verloren: Werbesprüche und Fangesänge müssen umgeschrieben werden. "Immer erste Liga" war einmal. Doch zur Überraschung vieler hat sich der Absturz in die Zweitklassigkeit weniger schlimm angefühlt als befürchtet. Das liegt an Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen, die dem HSV seine Selbstheilungskräfte zurückgeben.

Die Fans bekommen jetzt, was sie seit vielen Jahren fordern: eine Erneuerung der Strategie, weg vom sinnlosen Verprassen von Millionen für überteuerte Spieler mit Rang und Namen, hin zu mehr Bescheidenheit und größerem Vertrauen in die eigene Jugendakademie – das Durchschnittsalter des Kaders von 22,9 Jahren ist mit Abstand das jüngste der gesamten Liga. Die Erzählung vom neuen Schwung aus der Jugend ist geeignet, um Trauer und Wut über den Abstieg einzufangen und in Vorfreude umzukehren. Wer könnte diesen Weg glaubhafter vermitteln als ein Trainer, der sich aus dem Nachwuchs- in den Profibereich gearbeitet hat? Auch die Art und Weise, wie der im März beförderte Chefcoach Christian Titz Fußball spielen lässt, erzeugt gute Laune: dominanter, dynamischer und angriffslustiger. Titz’ Stil hat die Hoffnung auf einen echten Neuanfang wiederbelebt. Vielleicht ist der Abstieg ja tatsächlich nicht nur das Ende einer Geschichte, sondern der Beginn einer neuen?

Der Glaube daran ist unter den Fans jedenfalls riesig. Eine regelrechte Aufstiegseuphorie ist entstanden. In Zahlen: 7000 neue Vereinsmitglieder, 24.500 verkaufte Dauerkarten und 57.000 erwartete Zuschauer beim Saisonauftakt am Freitagabend gegen Holstein Kiel. Auch für die ersten Auswärtsspiele in Sandhausen und Dresden sind alle Eintrittskarten vergriffen. Der Leitspruch der Fans für die neue Spielzeit lautet "Liebe kennt keine Liga".

In ihrem Urteil über den vermeintlich neuen HSV sehen die Fans sich auch durch andere Entwicklungen dieses Sommers bestätigt. Zum Beispiel hat Jann-Fiete Arp seinen Vertrag verlängert, eines der am stärksten gefeierten Talente des Landes. Der FC Bayern buhlte offenbar vergeblich um den 18-jährigen Stürmer: Selbst mit einem Vertragsangebot, das Arp in vier Jahren 20 Millionen Euro eingebracht hätte, blitzte er ab. Zumindest ist das eine Version der Geschichte. Viele Indizien deuten allerdings auf etwas anderes hin. Da ist zum einen die Laufzeit von Arps Vertrag, die lediglich um ein Jahr bis 2020 verlängert wurde. Ein klares Bekenntnis für einen langfristigen Verbleib in Hamburg ist das nicht. Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandschef des FC Bayern, kommentierte die Arp-Verlängerung mit den Worten, dass dessen Entscheidung richtig sei, "noch ein Jahr" beim HSV zu bleiben, obwohl die Vertragslänge weitere zwei Spielzeiten vorsieht. Besteht zwischen Arp und den Bayern insgeheim längst eine Vereinbarung über einen Wechsel im kommenden Sommer? Auf die Frage, wie er mit den Bayern verblieben sei, antwortete Arp in Bild: "Das sollte zwischen den Vereinen bleiben. Für beide Clubs und für mich war es eine gute Absprache. Ich denke, am Ende ist keiner unglücklich. Das war die Hauptsache."

Damit erinnert die Causa Arp ein wenig an den Wechsel von Serge Gnabry von Arsenal London zu Werder Bremen vor zwei Jahren, als Spekulationen aufkamen, Bayern habe sich eine Art Vorkaufsrecht gesichert oder den Spieler sogar umgehend nach Bremen verliehen. Tatsächlich spielt Gnabry heute, nach einer weiteren Zwischenstation bei der TSG Hoffenheim, in München. Den Verdacht auf ein ähnliches Modell nährt zudem ein kurzfristig vereinbartes Testspiel in Hamburg zwischen dem HSV und Bayern am 15. August, das durch Ticketverkäufe ein bis zwei Millionen Euro Einnahmen bringen soll. Ist das etwa ein Teil der Ablöse? Der HSV dementiert.

Getrübt wird die Vorfreude im Volkspark nur durch die schweren Knieverletzungen der beiden Spieler Gideon Jung und Kyriakos Papadopoulos. Jung war als Innenverteidiger fest in der Stammelf eingeplant, bei Papadopoulos hoffen die Verantwortlichen, ähnlich wie bei den WM-Teilnehmern Filip Kostić und Albin Ekdal, auf lukrative Angebote. Bislang hoffen sie aber vergeblich. Die Einnahmen durch Verkäufe von Großverdienern liegen bei gerade einmal 15 Millionen Euro, was wegen der drastischen Verkleinerung des Budgets noch lange nicht ausreicht.

Es ist daher nicht auszuschließen, dass Trainer Titz bis zum Ende der Wechselperiode noch Spieler verliert, die er gar nicht abgeben will. Etwa den brasilianischen Linksverteidiger Douglas Santos, einen der besten Fußballer des Kaders. Mit seinem Verkauf käme der HSV an die dringend benötigten Millionen, würde seine Chance auf den direkten Wiederaufstieg aber verkleinern. Die Idee eines jungen und unverbrauchten Kaders mag sympathisch klingen und die richtige Schlussfolgerung aus dem jahrelangen Missmanagement sein. Ein paar erfahrene Stützen wird der HSV aber brauchen, um das Ziel des direkten Wiederaufstiegs zu erreichen. Denn finanziell könnten sich die Hamburger nur mit großer Mühe ein zweites Jahr in der zweiten Liga leisten.