Silva aus Damaskus drischt die Bälle mit dem Vollspann aufs Tor, unhaltbar auf diesem Bolzplatz mit den kurzen Distanzen. Das Mädchen solle aber besser mit der Fußinnenseite schießen, sagt ihre Trainerin Tuğba Tekkal, dann hätten auch die anderen eine Chance. Das hilft. Jetzt zeigt Hawzheen, die aus einem nordirakischen Dorf bei Dohuk stammt, ihre Torhüterinnenqualitäten. Sie bekommt mehr Bälle zu fassen oder wehrt sie mit den Beinen ab. Hechten geht auf dem Ascheboden nicht, da würde sie sich die Haut aufschürfen. Silva aus Syrien spielt mit Tuğba aus Deutschland gegen die Irakerinnen Halbast, Hejin und Hawzheen. Normalerweise trainieren sie auf Rasen im Kölner RheinEnergie-Stadion. An diesem Julitag ist nach 18 Toren Schluss, zu heiß, zu staubig. Die Mädchen ziehen sich um. Jetzt: Eis essen!

Die vier sind Scoring Girls, Mädchen, die Tore machen. So heißt das Projekt, das die in Hannover geborene Tuğba Tekkal vor zwei Jahren ins Leben gerufen hat. Tuğba Tekkal war bis 2014 Profifußballerin in Hamburg und beim 1. FC Köln. Jetzt trainiert die Jesidin einmal in der Woche bis zu zwei Dutzend Mädchen im Alter von 8 bis 20 Jahren, aber nicht nur jesidische, auch muslimische und christliche. Die meisten stammen aus Flüchtlingsfamilien, und viele haben die Erfahrung gemacht, dass ihre Religion sie von anderen trennt.

"Fußball bringt sie wieder zusammen und macht sie selbstbewusst", sagt Tuğba Tekkal, "auf dem Platz zählt keine Religion und keine Herkunft, sondern nur, ob du kicken kannst." In ihrer Mannschaft sind auch Mädchen ohne Migrationshintergrund, aus sozial schwachen Familien in Köln. Was Tuğba Tekkal tut, ist das Gegenteil des Özil-Streits: Während der Rest der Republik über Integrationsprobleme lamentiert, zeigt sie, dass Integration trotz allem spielend gelingen kann. Tuğba Tekkal glaubt an das Miteinander ihrer Mädchen, dass sie in Deutschland ankommen können, ohne ihre Herkunft zu verleugnen, und dass sie alle eine Chance haben, wenn sie kämpfen.

Silva aus Damaskus stammt aus einer muslimischen Familie. Sie ist eins von zwei Mädchen, die im Training so gut sind, dass Tekkal sie an einen Verein vermittelt hat. Silva ist jetzt 15. Zu Hause in Syrien durfte sie nur heimlich spielen, genau wie Hejin, eine Jesidin, die aus dem Irak geflüchtet ist. "In der Heimat haben wir uns fürs Fußballspielen als Jungen verkleidet", erzählt Silva. Mehr als knapp schulterlang durften ihre Haare nicht sein, damit sie unter ein Basecap passten. Ihre Eltern haben sie unterstützt, "mein Papa hat auch mit mir trainiert". Der Vater ist zu Hause in Syrien bei einem Autounfall ums Leben gekommen, "ich war dabei", sagt sie. Mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder floh sie vor den Bomben. In Köln nun wohnt sie um die Ecke vom Bolzplatz.

"Die meisten Eltern sind immer noch nicht begeistert, wenn ihre Tochter Fußball spielen will", sagt Tuğba Tekkal. Das traf auch auf ihre eigenen Eltern zu, die in den Siebzigerjahren aus der Türkei kamen: aus dem ostanatolischen Diyarbakır nach Hannover. Dass sie sich selbst als Jugendliche daheim durchsetzen musste, hilft der Trainerin heute, wenn sie geduldig, aber entschieden Eltern dafür gewinnt, ihre Töchter spielen zu lassen. Die meisten stimmen am Ende zu und feuern bald bei Turnieren vom Spielfeldrand aus ihre Töchter an.

Doch dann beginnt erst die Integrationsarbeit. Denn sobald die Eltern Vertrauen zur Trainerin haben, soll die Rat geben. Die 33-Jährige ist ja in Deutschland geboren, aber sie spricht auch Kurdisch, die Sprache vieler Neuankömmlinge. Also muss sie Bescheide der Ausländerbehörde erklären und Anträge stellen helfen. "Das ist ein 24-7-Job", sagt sie. Eigentlich wollte sie nach ihrer Zeit als Fußballprofi wieder als Kauffrau arbeiten, aber derzeit verdient sie ihr Geld nur nebenbei, sie hilft einem Bruder in Hannover in der Gastronomie. "Du musst erst mal einen Chef finden, der so ein Integrationsprojekt unterstützt." Gerade hat sie neue Fußballschuhe besorgt, aber sie musste auch schon ein Spiel abblasen, weil das Geld nicht für den Bus reichte. Tuğba organisiert selbst die Spielplätze und die Besuche prominenter Helfer. Von Toni Schumacher, dem Ex-Nationaltorhüter, zum Beispiel. Sogar Kanzlerin Angela Merkel war da. Und Anne Will kam vorletzte Woche zum Benefizspiel, schon das zweite Mal.

Die Trainerin pendelt zwischen Köln und Hannover, oft muss sie auch nach Berlin, zum Büro des Hilfsvereins hinter den Scoring Girls: " Hawar Help" steht auf den roten Trikots der Spielerinnen. Hawar Help war eine Idee ihrer Schwester Düzen Tekkal, zum Gründungsteam gehörten neben den beiden noch zwei weitere Schwestern der Familie Tekkal: Tuna, 37, und Tezcan, 29. Drei der vier Frauen – Düzen, Tuna und Tezcan – leben heute in Berlin. Hawar Help ist eine Dachorganisation für ihre Ideen zur Integration, die allesamt konkret sind: entstanden aus dem Leben einer Einwandererfamilie mit elf Kindern, deren deutsche Träume nicht immer zu den Traditionen ihrer Herkunftskultur passten. Die Jesiden sind eine der ältesten Religionsgemeinschaften der Welt, ohne eine heilige Schrift, ihren Glauben geben sie mündlich weiter. Man ist Jeside von Geburt; niemand kann durch eigene Entscheidung zur Gemeinschaft hinzukommen. Auch deswegen haben sie eine strenge Heiratsregel: keine Ehe mit Nichtjesiden!

Jesiden sind in ihrer Geschichte immer wieder bedrängt, bedroht, vertrieben und ermordet worden. In der Türkei der 1960er Jahre noch wurden sie diskriminiert. Deshalb nutzten die Eltern Tekkal das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei, um einem Land zu entkommen, das den Jesiden einen gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft verwehrte. Vater Tekkal wurde in Deutschland SPD-Mitglied und trug maßgeblich dazu bei, dass unter Kanzler Kohl die Jesiden als verfolgte Religionsgemeinschaft anerkannt wurden. Heute leben nur noch wenige Tausend von ihnen in Ostanatolien, einem ihrer ursprünglichen Siedlungsgebiete. Deutschland beherbergt mit etwa 100.000 Jesiden die größte Diasporagemeinde. In Syrien ebenso wie im Irak galt ihnen die Bundesrepublik seit Langem als gastliches und notfalls auch rettendes Land.

"Man darf sich nie zum Opfer machen lassen"

Düzen, Tuna und Tezcan Tekkal. Mit Tuğba gründeten sie den Hilfsverein. © HAWAR.help

Aber noch nie kam eine so fürchterliche und planmäßige Vernichtung über sie wie im August 2014. Kämpfer des "Islamischen Staates" nahmen die jahrhundertealten Siedlungsgebiete der Jesiden nördlich von Mossul ein und begannen vor den Augen der Weltöffentlichkeit einen Massenmord. 5000 Jesiden sollen dem IS zum Opfer gefallen sein, sie galten der Terrormiliz als besonders verachtenswert, als die Ungläubigsten der Ungläubigen. Ihre Mädchen und Frauen wurden als Sklavinnen verkauft, ihre Männer zuhauf erschossen, noch immer kursieren Videos von Hinrichtungen und Sklavenmärkten. Eine halbe Million Jesiden floh seit 2014 vor dem IS. Die Katastrophe war der Anfang von Hawar Help.

Denn Düzen Tekkal, die sich als Fernsehjournalistin einen Namen gemacht hatte, plante im Sommer 2014, mit ihrem Vater die Heimatregion der Jesiden im Irak zu besuchen. Nach dem Vormarsch des IS war klar, dass sie in anderer Mission dorthin musste: um den Völkermord zu dokumentieren – und später auch den Weg der Überlebenden. "Der Plan war, diese größte Tragödie unseres Volkes in eine Chance umzuwandeln", sagt Tekkal heute. Ein Dutzend Mal war sie seither im Irak. Auch ihre drei Schwestern halfen bald. Als die baden-württembergische Regierung unter Winfried Kretschmann beschloss, tausend jesidische Frauen auszufliegen, filmte Hawar Help die Aktion. Selbst Tezcan, die bis dahin immer im Hintergrund agierte, überwand ihre Angst und flog. "Die befreiten Frauen, die ich traf, gaben mir Kraft", sagt sie heute. Tezcan ist gelernte Immobilienkauffrau, sie hat für den Verein mit Stiftungen verhandelt und baute das Büro auf: "Anfangs arbeiteten wir mit unseren Tablets im Café, aber rasch wurde das Projekt zu groß", sagt Tezcan. "Bei der Finanzierung von Hilfsprojekten sind wir Autodidakten."

Tatsächlich haben sie beim Helfen immer wieder sich selbst vergessen und waren in den letzten Jahren oft pleite. Mittlerweile wird Hawar Help vom Bundesministerium für Entwicklung und Zusammenarbeit gefördert. Gemeinsam setzen sich die Schwestern dafür ein, dass nach den Vereinten Nationen und dem Europaparlament auch der Bundestag den Völkermord an den Jesiden anerkennt – und der 3. August zum internationalen Gedenktag wird.

Tuna, die zweitälteste Schwester, hat im April zum ersten Mal einen Hilfstransport in den Irak begleitet. Neben solchen Lieferungen organisiert Hawar Help Selbsthilfe für Hunderte aus der Gefangenschaft des IS befreite Frauen – im Irak ebenso wie in Deutschland. Aber nicht nur für Jesidinnen! Hilfe über Religionsgrenzen hinweg gehört zum Programm. Düzen Tekkal sagt, sie sei glücklich, dass die Mädchen, die bei Scoring Girls besonders erfolgreich seien, aus muslimischen Familien stammten. Die Filmemacherin geht regelmäßig in Schulklassen und spricht über Gewalt und Radikalisierung. Soeben hat sie sich in die #MeTwo-Debatte über die Diskriminierung von Migranten eingemischt mit der provozierenden Meinung: Man dürfe jetzt die Chancen nicht kleinreden, die Migranten in Deutschland hätten. Diskriminierungserfahrungen benennen: ja! Sich in der Opferrolle einrichten: nein!

Sie lasse sich ihren German Dream, den Traum vom gelungenen Miteinander in Deutschland, nicht ausreden. "Man darf sich nie zum Opfer machen lassen, sondern muss lernen, nach Niederlagen wieder aufzustehen", sagte sie im Mai, als sie den Preis als "Frau Europas" verliehen bekam. Die vier jesidischen Schwestern wollen nicht klagen, sondern helfen. Die Hilfe habe sie auch ihrer Religion nähergebracht. "Mir ist bei den Jesiden im Irak klar geworden: Das sind meine Wurzeln, daraus erwächst mir Kraft", sagt Tuna Tekkal. "Aber in Deutschland habe ich Selbstbestimmung gelernt, das schenkt mir auch im Glauben ein Gefühl der Freiheit." Diese Freiheit wollen die Schwestern weitergeben. In jeder ihrer Hilfslieferungen, in jedem Fußballtraining steckt ein Stück Familiengeschichte, der eigenen Konflikte zwischen alter und neuer Heimat.

Über solche Themen reden zu können, auch das verbindet die Scoring Girls. An dem Julinachmittag in Köln gehen sie nach dem Bolzen noch zum Abkühlen: Lange sitzen sie beim Eis. Silva erzählt, dass sie auf der Flucht, beim Anlanden auf einer griechischen Insel, Trillerpfeifen von weggeworfenen Rettungswesten abschnitt, weil sie die als Fußball-Schiedsrichterin vielleicht brauchen könnte. Die 15-jährige Silva wünscht sich ebenso wie die 19-jährige Halbast und die 20-jährige Hawzheen eine Profikarriere. Hejin, 16, will lieber als Krankenschwester arbeiten. Etwas für andere Menschen tun, sagt sie, so wie Tuğba. Vielleicht ist das der German Dream: In die Freiheit kommen – aber die Freiheit nicht nur für sich selbst nutzen.

Die Fußballmädchen sagen, sie wollen nicht wieder nach Syrien oder in den Irak. "Das wär scheiße", sagt Hejin, "da müssten uns unsere Familien vielleicht noch verheiraten." Dann lachen sie alle sehr einvernehmlich.