Zwischen Januar und Juni 2018 reisten 2,18 Millionen Touristen nach Israel. Das ist die höchste jemals gemessene Zahl in einem ersten Halbjahr. Um satte 19 Prozent sind die Besucherzahlen damit im Vergleich zum Vorjahr angestiegen. Dieser Erfolg konterkariert auf eigentümliche Weise die Meldungen über Boykott-Aufrufe gegen israelische Waren und Auftritte israelischer Wissenschaftler an europäischen Universitäten. Er passt so gar nicht zu den Nachrichten vom zunehmenden Antisemitismus in der Welt, der sich ins Gewand der Israelkritik kleidet.

Man kann die politischen Konflikte mitdenken, die die Gesellschaft spalten: in Palästinenser und in Israelis, in Zionisten und in Hamas-Anhänger. Doch warum ist dieses großartige, dieses widersprüchliche Land für seine Besucher so attraktiv? Vielleicht spüren sie, was dieses Israel so wunderbar macht: seine jahrtausendealte Stille. Man kann Israel eben auch so erfahren wie der Fotograf Clément Chapillon. Er hat in seinem Bildband Promise Me a Land nach dem Heilsversprechen geforscht, das der Reisende abseits der Touristenmagnete finden will, vielleicht ohne es selbst zu wissen. Natürlich zeigt uns der Fotograf auch die Mauer und den nackten Beton, hinter dem die nackte Gewalt auf beiden Seiten regiert.

Chapillon zeigt aber auch das Gesicht des Beduinen, der mit seinem Esel auf der israelisch-palästinensischen Landstraße Nummer 90 reitet, die den Süden mit dem Norden Israels verbindet. Wer denkt bei diesem gedankenverlorenen Mann nicht unwillkürlich an einen jüdischen Wanderrabbi, an Jesus, der auf ebensolchem Lasttier und mit einem Palmzweig in der Hand in Jerusalem einritt? Vom Bild dieses reitenden Arabers geht ein Frieden aus. Derselbe Friede findet sich auch auf dem Bild der beiden jüdischen Siedler, die auf das Tote Meer im Jordantal blicken. Um diesen Frieden zu erfassen, muss man nicht den radikalen Siedlungskonflikt ausblenden oder gar verniedlichen. Ebenso wenig muss man verdrängen, dass der orthodoxe Jude, den wir sehen und der mit seinen beiden Kindern im Ort Rosch Hanikra wohnt, unmittelbar an der libanesischen Grenze in einer Kampfzone lebt. Aber in der Gegenüberstellung mit der Natur, mit Bergen und Meer, mit Pfaden und Mauern, die vor den Bewohnern da waren und nach ihnen noch sein werden, werden diese Menschen auf wundersame Weise entpolitisiert.

Wer mit dem Flugzeug nach Israel reist, hat vor allem die gesellschaftlichen Spannungsfelder im Auge. Den berühmten Überblick. Wenn man aber auf dem Boden wandelt, auf den alten Straßen der Römer, auf den jahrtausendealten Pfaden der Beduinen, der Juden und später der Christen in Galiläa und Judäa, dann hat dieses Ur-Land, unser aller Ur-Land, vor allem eine Wirkung: Es beruhigt. Das liegt an seiner archaisch vertrauten Topografie. Diese Ruhe kann uns lehren, wieder in den Menschen, die dort leben, den Araber, den Juden oder den Christen zu erkennen. Und das nicht mehr in einer radikalen, politischen Ausformung, sondern: als Söhne und Töchter Abrahams.

Weit besser als in Jerusalem, in den leeren Wüsten und in den kargen Bergen, auf den Ziegenweiden und im Geröll der Felsen, wird der Suchende gewahr, dass die drei abrahamitischen Religionen doch eine gemeinsame Wurzel haben. Über dem Menschen nur Himmel, er ist hier allein und doch geborgen in der Weite der Landschaft. Übertroffen wird diese geografische Weite nur noch von einem größeren Horizont: von dem eines Buches.

Was unterscheidet den jüdischen Frommen, der in der Altstadt von Jerusalem neben seinem aufgeschlagenen Gebetsbuch ein Nickerchen hält, womöglich von der Jakobsleiter träumt, von der die Engel herniedersteigen, von dem Araber, der in der Nähe des Felsendoms ein Buch über dieses Heiligtum studiert? Einsam ist der Leser, wenn er liest, und er ist es doch nicht, denn er hält Zwiesprache mit dem Autor und seinem Text.

Eines der Phänomene Israels ist es, dass es, obwohl es so ein kleines Land ist, doch so viele menschenleere Areale besitzt, in denen man die Geschichte und deren Blessuren erspürt. Man merkt, auf welch heiligem Terrain man sich befindet. Alle großen Religionen haben in diesem Land ihren spirituellen Fußabdruck hinterlassen. Bis heute.

Clément Chapillon: Promise Me a Land. Texte von Clément Chapillon, Lorand Gaspar, Diana Pinto. Kehrer Verlag, Heidelberg 2018, 144 Seiten, 39,90 Euro. © Kehrer Verlag

Aber die Geschichte Israels ist eine Geschichte von Mauern. Römische Mauern, sarazenische Mauern und nicht zuletzt die Mauern der Festung Masada, in der sich der jüdische Freiheitswille im Kampf mit der römischen Besatzung 73/74 nach Christus zum ersten Mal manifestierte. Und dann die Klagemauer: In Israel weint jeder Stein, weil er so viel bezeugen kann, allein dadurch, dass er noch da ist, sagt Natan Zach, der Dichter.

Israel ist ein Land voller Relikte, über die der Wind ging. Da ist diese verlassene Haltestelle in der Nähe der jüdischen Siedlung Itamar. Die Disteln haben sich die Straße zurückgeholt, kein Bus nirgends, kein Wartender mehr, die Natur bewies hier den längeren Atem. Und doch stimmt der Begriff von der "gottverlassenen Gegend" gerade nicht. In der Weite der Wüste Negev, die 60 Prozent des Staates Israel einnimmt, oder in der Judäischen Wüste in der Nähe der jüdischen Siedlung Mitzpe Jericho im Westjordanland, kann man lernen, was überdauern heißt. Hier drängen sich die Berge aneinander wie eine Herde uralter Tiere. Die politischen Grenzen können dieses Heilige Land nicht zerreißen, können seinen Geist nicht töten.

Warum also reisen so viele Touristen in dieses Land? Ist es der Beach-Trubel an den Stränden von Tel Aviv, in der Stadt, die niemals schläft? Sind es die biblischen Stellen im Touristenführer, die man abklappern muss, um als guter Christ zu gelten? Ist es das Tote Meer mit seinen heilenden Salzen? Alles das. Und noch viel mehr. Vielleicht weckt dieses kleine Land die Sehnsucht in uns: die Sehnsucht nach einer alten, alten Heimat, die seit Urzeiten da gewesen ist.