Sowenig sich das Internet bisher abschalten ließ, so wenig auch die Internetkritik. Gerade haben die Deutschen wieder ein internetkritisches Buch auf die vorderen Ränge der Verkaufslisten geshoppt: Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts löschen musst von Jaron Lanier. Lanier ist Publizist und Informatiker; weil er in den Achtzigern als Entwickler bei Atari anheuerte, gilt er als Internetpionier. Heute zählt er zu den renommiertesten Mahnern und Warnern in digitalen Fragen. 2014 wurde ihm dafür der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.

In seinem neuen Buch nimmt Lanier allerdings nicht die gesamtdigitale Welt in den Blick, er konzentriert sich beim Mahnen und Warnen auf die sogenannten sozialen Medien: Facebook, Twitter, Instagram. Auch WhatsApp und die Google-Dienste zählt Lanier dazu, denn sie gründen auf einem ähnlichen Geschäftsmodell: Das Verhalten von Nutzern wird manipuliert im Auftrag der mächtigen Anzeigenkunden, zu denen nicht nur Versandhändler und Kosmetikhersteller gehören – vermutlich erkaufte auch Putins russisches Regime sich auf Facebook Einfluss auf den amerikanischen Wahlkampf. Lanier erläutert auf rund 200 Seiten, warum er dieses Geschäftsmodell für die Wurzel aller digitalen Übel hält. Social Media mache uns dümmer, ärmer, gemeiner, depressiver, sogar metaphysisch obdachloser. Das Buch fasst hinlänglich bekannte Argumente noch einmal zusammen, manchmal raunend ("Man kann den Glauben an sich selbst verlieren und sich selbst verschwinden lassen. Ich nenne das Antimagie"), manchmal in nordkalifornisch verkrümmter Kindersprache: "also gib diesem Buch eine Chance, okay?"

Tatsächlich ist das Buch genauso überflüssig wie "Zehn Gründe, warum du sofort mit dem Rauchen aufhören musst": Einer würde reichen, und den kennen eh schon alle. Schon lange nicht mehr lautet die Frage: Warum soll man sich aus den sozialen Medien abmelden? Sie lautet: Warum tut man es nicht? Oder wie Jaron Lanier, der von der ersten Seite an auf seine Leser zuduzt, formulieren würde: Warum tust du es nicht?

Ja, warum tue ich es nicht? Jaron, lass mich darauf so nordkalifornisch und persönlich antworten, wie es dein Buchtitel vorgibt. Hier kommt jetzt ein Grund, warum ich meine "Social Media Accounts" genauso wenig löschen werde wie die Kopplungen in deutschen Komposita: Pioniere wie du, Jaron, haben das Internet aufgebaut. Ich aber bin dort aufgewachsen. Die sozialen Medien sind meine Heimat. So wie andere Leute ihre Heimat in der Sächsischen Schweiz haben oder im Sauerland. Da gibt es auch Nazis, da gibt es auch viel Ärger, da wird man auch ausspioniert von neugierigen Nachbarn und manipuliert von Konzernen, von Werbung und Gruppenzwang in der Freiwilligen Feuerwehr. Aber manche wollen trotzdem nicht weg. Sie gehören da eben hin. Genau so geht es mir mit den sozialen Medien. Selbst wenn es 10.000 Gründe dafür gäbe: Warum sollte ich je meine Heimat löschen?

Jaron Lanier: Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst. Aus dem Englischen von Martin Bayer und Karsten Petersen; Hoffmann und Campe, Hamburg 2018; 204 S., 14,– €