Der Engel von Blankenese – Seite 1

51 Jahre hat Jochen Engel bei der Post gearbeitet, 44 davon brachte er den Menschen im Blankeneser Treppenviertel in Hamburg ihre Briefe. Mit fast allen dort ist er seit Langem per Du. Die Damen begrüßt er mit "Moin min Deern", die Kinder mit High-Five-Handschlag. Seit Kurzem ist er im Ruhestand, zuletzt ist ein Buch über ihn erschienen – bei uns blickt er zurück auf eine bewegte Zeit.

DIE ZEIT: Herr Engel, dürfen wir mal Ihre Waden sehen?

Jochen Engel: (schlägt sich auf Wade und Schenkel) Kein Fett dran! Meine Frau sagt immer: "Wenn du mich stößt, kriege ich blaue Flecken!" Das jahrelange Auf und Ab hat Spuren hinterlassen.

ZEIT: Haben Sie je gezählt, wie viele Stufen Sie in den 44 Jahren gestiegen sind?

Engel: Das müssen einige Mount-Everest-Besteigungen gewesen sein. Ich habe das vor Jahren ausgerechnet: mehr als 5.400 Stufen pro Tag. Bei 44 Jahren wären das insgesamt mehr als 50 Millionen.

ZEIT: Ist das Treppenviertel für einen Briefträger Segen oder Fluch?

Engel: Ein Segen! Außer wenn’s zu heiß wird: Bei 30 Grad steigt die Temperatur in den windstillen Winkeln auf 50.

"Um vier Uhr aufstehen, um fünf Uhr losgehen, um sechs Uhr Post sortieren – und dann erst ziehen wir los."
Jochen Engel, Postbote

ZEIT: Und dann die schwere Tragetasche über der Schulter.

Engel: Genau! Es heißt immer, heute werden weniger Briefe geschrieben. Davon merke ich nichts. Donnerstags trug ich auch noch die ZEIT, da kam man schon ins Schwitzen. Wir Postboten malochen ja ganz schön. Die meisten denken, wir kriegen morgens unsere Post, und los geht’s. Die Realität ist: Um vier Uhr aufstehen, um fünf Uhr losgehen, um sechs Uhr Post sortieren – und dann erst ziehen wir los.

ZEIT: Die Frage müssen wir natürlich stellen: Wie viele Hundebisse mussten Sie ertragen?

Engel: Klar kläffen einige, vor allem die Giftzwerge im Handtaschenformat. Einer ist jetzt gestorben – endlich Ruhe! Aber ich hatte oft Leckerlis dabei. Erwischt hat mich in all den Jahren nur ein einziger, am Oberarm. Ein ganz junger, der wollte nur spielen. Ich musste meine Tetanusimpfung auffrischen. Sonst gibt’s noch jede Menge Hasen und Meerschweinchen. Und einen Hahn, der kräht nur, beißt aber nicht.

ZEIT: Wie kamen Sie zum Treppenviertel?

Engel: Am ersten Tag kam mein Chef und fragte, ob ich das Treppenviertel übernehmen will. Ich so: "Klar, kein Problem!" Ich kannte mich aber überhaupt nicht aus, ich musste ständig irgendwo klingeln, um zu fragen, wo ich eigentlich bin.

ZEIT: Wie haben Sie die Treppenviertelbewohner kennengelernt?

Engel: Ich schnacke viel mit den Leuten, da kriege ich einiges über ihr Familienleben mit. Oma erzählt dann vom kranken Enkel, vom verstorbenen Mann. Manche kenne ich seit 40 Jahren, da wirst du mehr oder weniger Teil der Familie. Wenn was ist, riefen die bei mir an: "Jochen, kannste mal ums Haus rumgucken, wir sind ein paar Tage weg." Und wenn Oma Briefmarken oder Geld brauchte, brachte ich ihr das mit, oder ich habe ihr den Müllsack an die Straße getragen.

"Manche sind arrogante Neureiche, die fahren ein dickes Auto, grüßen nicht, glauben, sie seien was Besseres."

ZEIT: Haben sich die Menschen in den letzten 44 Jahren verändert?

Engel: Hier leben noch einige vom alten Schlag. Eine Familie kenne ich in der sechsten Generation. Der Urgroßvater holte früher regelmäßig ’ne Schachtel Pralinen bei der Konditorei Müller, den Laden gibt’s heute gar nicht mehr. Auf seinem Rückweg über die Strandtreppe sagte er mir stets: "Zwei darfste dir nehmen, der Rest ist für meine Frau." Das Verhältnis zu den Zugezogenen ist nicht ganz so herzlich. Manche sind arrogante Neureiche, die fahren ein dickes Auto, grüßen nicht, glauben, sie seien was Besseres. Aber das ist die Minderheit.

Für solche Menschen bist du der einzige Kontakt zur Außenwelt

ZEIT: Was haben Sie über Reichtum gelernt?

Engel: Wer’s hat, der zeigt’s nicht. Natürlich gibt’s auch Schnösel, die meinen, ihr Auto, ihr Haus und ihre Jacht präsentieren zu müssen. Aber ich habe mittendrin zwei, drei Millionäre, bei denen würdest du nie erraten, dass sie viel Geld haben. Die treten ganz einfach und natürlich auf.

ZEIT: Was war die schönste Sendung, die Sie je überbringen mussten?

Engel: Geburtstagsgrüße, Glückwünsche zur Geburt, Taufe oder Hochzeit. Das sind Glücksmomente.

ZEIT: Und die schlimmste?

Engel: Trauerbriefe. Wenn du weißt, da ist der Mann gestorben. Ich habe schon etliche Todesfälle erlebt. Der eine ist ins Wasser gegangen, und die Leiche tauchte erst ein Vierteljahr später auf. Der andere hat sich wegen Depressionen aufgehängt. Das kriegt man alles mit.

"Meine Einstellung zum Beruf ist: Ich bin Seelentröster."
Jochen Engel, Postbote

ZEIT: Wünschte man sich da mehr Abstand?

Engel: Nein. Meine Einstellung zum Beruf ist: Ich bin Seelentröster. Manchmal wurde ich auch zum Mittagessen oder Kaffee eingeladen, aber wenn du eine Tour durchhast, bist du froh, wenn du Feierabend hast. Willi Bartels, der "König von St. Pauli", dem etliche Häuser aufm Kiez gehörten, wohnte am Baurs Park. Da musstest du Weihnachten immer rein zum Frühstücken, ’ne Scheibe Schwarzbrot mit fingerbreit Butter, obendrauf dick Wurst, selbst geschlachtet, das ließ er sich nicht nehmen. Bei neuen Gesichtern bin ich aber vorsichtig. Nachher liegt der Postbote im Keller – man weiß ja nie!

ZEIT: Welche Momente haben sich Ihnen eingeprägt?

Engel: Da war mal diese Oma, die zwei Tage mit Oberschenkelhalsbruch in der Wohnung lag. Zum Glück hörte ich ihre Hilferufe. Einen halben Tag länger, und sie hätte wohl nicht überlebt. Für solche Menschen bist du der einzige Kontakt zur Außenwelt. Und in der Hauptstraße fiel mal ein kleines Kind aus dem Fenster. Seine Oma hatte sich nur kurz abgewendet, da ist der Enkel aus dem ersten Stock gekrabbelt – ich hab ihn aufgefangen. Er hatte nur ’ne Beule, Gott sei Dank.

ZEIT: Hatten Sie sich je gewünscht, ein anderes Viertel zu beackern?

Engel: Nee! Das kam mir nie in den Sinn. Es ist ungewöhnlich, dass ein Postbote über Jahrzehnte denselben Zustellbezirk hat, anderswo wird das ständig neu verteilt. Aber ich bin hier verwachsen, das ist meine zweite Heimat.

"Ich habe den Ruhestand ganz entspannt auf mich zukommen lassen."

ZEIT: Wo ist die erste? Hier in der Nähe?

Engel: Am Anfang meiner Dienstzeit habe ich ein halbes Jahr am Blankeneser Ende der Elbchaussee gewohnt. Dann verdoppelte sich die Miete auf 600 Mark, ich verdiente damals nur 650 Mark. Heute wohne ich in Eimsbüttel. Auch schön.

ZEIT: Freuen Sie sich auf den Ruhestand?

Engel: Ich habe das ganz entspannt auf mich zukommen lassen. Ich bin ja nicht aus der Welt, die meisten hier haben meine Nummer und Adresse. Und meine Nachfolgerin hat das Herz am rechten Fleck.

ZEIT: Was haben Sie jetzt vor?

Engel: Jetzt bin ich mit meiner Frau vier Wochen im Alten Land. Dort gibt’s auch noch den alten Schlag, die Bauern mit den alten Apfelsorten. Danach will ich mal zu Fuß den Michel hoch – das wollte ich schon seit 40 Jahren machen.