Zwischen Oranienburg und Berlin liegen 30 Minuten Zugfahrt – ein paar Ortschaften, Felder, Seen, ein bisschen Wald. Es sei denn, es ergeht einem wie Finn. Der ist zehn Jahre alt ("also in drei Wochen und zwei Tagen") und fährt die Strecke zum ersten Mal allein mit dem Zug. Als ein Typ ihn hinterlistig beklaut, gerät seine Welt aus den Fugen – und zwischen Oranienburg und Berlin liegt auf einmal ein Abenteuer, wie es sich an den entlegensten Orten dieser Welt nicht turbulenter zutragen könnte.

Hätte er sich doch bloß nicht von diesem blöden Kartentrick ablenken lassen! Zu spät hat Finn gemerkt, dass nicht nur der seltsame Typ mit den Bierdosen verschwunden ist, sondern auch sein Rucksack. Alles weg: Fahrkarte, Geld, Handy und "Papas Spezialstullen". Und jetzt? Hat Finn ein "Riesenproblem", wie der Schaffner sagt. Der kennt kein Erbarmen, Gesetz ist Gesetz. Finn muss raus aus dem Regionalexpress, die Polizei rückt an und holt den Jungen mit dem Auto ab. "Biste abjehauen, wa?", fragt die Beamtin. Finn schüttelt den Kopf. Dann überschlagen sich die Ereignisse.

An einer roten Ampel fährt ein Laster hinten in den Streifenwagen, auf einmal steht ein kaugummikauendes Mädchen an Finns Seitenfenster – und dann "verduften" die beiden einfach, wie man hier, kurz vor Berlin, so sagt. "Besser als Gummizelle", findet das Kaugummi-Mädchen, das Jolanta, kurz Jola, heißt. "Außerdem isses ja nicht mehr weit. Und ich muss auch dringend mal wieder in die Tzitti."

Martin Musers Roman, der zunächst wie eine Neuauflage von Erich Kästners Emil und die Detektive anmutet, entwickelt binnen weniger Seiten ein rasant schnoddriges Eigenleben. Weil es kein passendes Wort gibt – Straßenroman?, Unterwegsnovelle? –, muss man ihn verlegenheitshalber ein Roadmovie nennen. Was so verkehrt nicht ist: Muser ist ein erfahrener Drehbuchautor. Kannawoniwasein! – Manchmal muss man einfach verduften ist sein Kinderbuchdebüt.

Man merkt, dass hier jemand in Bildern und Szenen und vor allem in Dialogen denkt. In Oranienburg suchen Finn und Jola verzweifelt ein Münztelefon. "Vielleicht gibt es ja gar keine Münztelefone mehr", überlegt Finn. "Heute telefonieren doch eh alle mit dem Handy." – "Manche auch nicht", sagt Jola. "Zum Beispiel Spione oder Erpresser, die nicht abgehört werden wollen ..."

Spätestens als sich der Münzfernsprecher, den sie finden, als geldgierig und nutzlos erweist, ist klar, dass die beiden durch das scheinbar so engmaschige Netz elterlicher Fürsorge, mobiltelefonischer Dauererreichbarkeit und polizeilicher Kontrolle gefallen sind. Mitten in Brandenburg beginnt, zwischen Anliegerstraßen und Ackerflächen, eine Wildnis, in der Finn und Jola völlig auf sich gestellt sind und überlegen müssen: Wo kriegen wir was zu essen her, wie schaffen wir es bis in die "Tzitti", und was tun, wenn es dunkel wird?

Ihre Reise bleibt bis zum Schluss ein echtes Kinderabenteuer: ganz und gar aufregend – aber so, dass sich Finn und Jola aus schierer Freude über das gemeinsam Erlebte immer wieder ausschütten wollen vor Lachen. Sie schlafen auf einem Hochsitz, sie schließen einen Traktor kurz, sie blicken einem Wolf in die Augen und werden von dänischen Nacktcampern aus dem Straßengraben gezogen. Am Ende nehmen sie es sogar mit einer Rockerbande auf.