Glauben Sie an Jesus Christus? Dann tun Sie etwas sehr Exotisches. So sehen das zumindest viele Atheisten. Wenn Sie mit denen über Ihren Glauben sprechen wollen, müssen Sie zuerst akzeptieren, dass die Sie verrückt finden. Zumindest wenn Sie wollen, dass man Ihnen zuhört.

Ich werde oft gefragt, was Christen ändern müssten, damit etwas bei Kirchenfernen ankommt. Weil ich eine Kirchenferne bin und bei mir etwas angekommen ist: Für das Projekt "Valerie und der Priester" habe ich, eine atheistische Journalistin, ein Jahr lang den Priester Franziskus von Boeselager begleitet. Und deshalb möchte ich hier versuchen, Antwort zu geben. Nicht weil ich Christin, Katholikin oder Missionarin geworden bin. Nur weil ich finde, es braucht generell mehr Verständnis in dieser Gesellschaft. Daher ein paar Vorschläge, wie Sie es schaffen, dass Ihnen zugehört wird.

1. Atmosphäre schaffen

Die tollsten Worte bringen nichts, wenn niemand sie verstehen will. Sie müssen eine Atmosphäre schaffen, in der Ihnen zugehört wird. Dafür ist zuerst der andere an der Reihe, lassen Sie ihn reden. Gott ist Ihr Kompass? Okay. Aber probieren Sie zu verstehen, wie Menschen ohne diesen Kompass leben und sich trotzdem nicht verlaufen. Denn das funktioniert. Ob mit Kant, Knigge oder den Hausregeln von Mutti.

Mir ist in diesem Jahr öfter ein christliches Phänomen begegnet, das manchmal in Besserwisserei umzuschlagen drohte: in allem Gott zu sehen. Und das eben unbedingt auch den anderen sehen machen zu wollen. Weil das Leben ja ohne Gott sinnlos sei, da es auf nichts hinauslaufe. Da klang immer mit, dass das Leben der Ungläubigen demnach ohne Sinn sei. Wenn Sie mit dieser Einstellung in ein Gespräch gehen, wird es nicht funktionieren.

Ja, oft leben Menschen Nächstenliebe, opfern sich für andere, wachsen über sich hinaus: ob die alleinerziehende Mutter, die Seenotretter auf dem Mittelmeer, der verstorbene Taucher in der thailändischen Höhle. Doch versuchen Sie nicht zu beweisen, dass Gott dahintersteckt. Versuchen Sie zu verstehen, wie jemand ohne Gott klarkommt. Auch so eine Mutti-Regel: Wer Interesse zeigt, dem wird welches entgegengebracht.

2. Kritik aushalten

Bevor Sie reden können, müssen Sie erst mal aushalten – und zwar die immer gleichen Themen. Kirchenferne Leute denken bei der – in diesem Fall katholischen – Kirche zuerst an: den Missbrauchsskandal, die Rolle der Frau, den Umgang mit Homosexualität. Menschen katholischen Glaubens haben mir oft erzählt, dass sie es nicht mehr hören können. Ich verstehe das, denn ich bin Feministin. Bevor ich davon sprechen kann, was am Patriarchat uncool ist, muss ich zehn Minuten lang betonen, dass ich nicht alle Männer hasse und kein Problem mit High Heels habe. Das ist meistens nervig, oft unfair. Aber hey – es geht um Ihre Frohe Botschaft.

Diese "Reizthemen", wie Franziskus sie nannte, sind die Dinge, bei denen die kirchliche Moral mit der säkularen Welt über Kreuz liegt. Natürlich empört das die Leute, also sagen Sie nicht, dass es Wichtigeres gebe als den Missbrauchsskandal. Und verweisen Sie erst recht nicht auf andere: "Es hat nicht nur in der katholischen Kirche Missbrauch gegeben." Stimmt, aber Jesus würde mit dem Finger auch nicht auf den Nächsten zeigen. Die Kirche ist eine moralische Instanz, zehn Jahre Reue sind noch lange nicht genug, bleiben Sie demütig.

Was auch zum Aushalten gehört: Ertragen Sie mal einen dummen Spruch. Auch wenn Fronleichnam "Happy Kadaver" genannt wird. Es hat eben nicht jeder verinnerlicht, was das bedeutet: Jesus ist für uns gestorben.

3. Ihr Ziel: gefragt werden

Kommen wir zurück zum Knall. Ihnen muss bewusst sein: Das, was Sie da glauben, klingt sehr abstrus. Sie glauben, dass Gott Mensch geworden ist. Es gibt so viel sinnloses Sterben und Schmerzen auf dieser Welt, aber Sie behaupten, dass alles gut wird, schon gut ist, und dass wir gerettet sind. Das ist wunderschön. Aber eigentlich unglaublich. Gestehen Sie sich das ein, sprechen Sie das aus: "Ich weiß, dass es verrückt klingt." Damit beweisen Sie Ihrem kirchenfernen Gegenüber, dass Sie in keiner Parallelwelt leben. Sagen Sie: "Ich sehe, was du siehst. Weiß, was du weißt. Aber ich glaube trotzdem." Dann kann man nur noch fragen: Wie? Diese Frage ist, glaube ich, der Schlüssel. Wenn Sie das gefragt werden, wird auch Ihre Antwort gehört.

4. Unglaubliches erklären

Ihr Glaube ist nicht logisch. Theologiestudium hin oder her. Er ergibt nur für Sie Sinn, weil Sie an Gott glauben. Ich saß einmal im Publikum, als ein katholischer Theologe und ein religionskritischer Philosoph sich stritten. Es ging um die Bibelstelle, in der Gott Abraham auffordert, seinen eigenen Sohn (!) Isaak zu töten. Der Philosoph meinte, die Geschichte sei grausam, entmündigend, traumatisierend für jedes Kind. Der Theologe begründete irgendwie theologisch, warum Gott nicht grausam sein könne. Es funktionierte nicht. Auf jedes Argument des Theologen (Gott opfere ja im Neuen Testament auch seinen Sohn und so weiter) antwortete der Philosoph: "Das können Sie so interpretieren, aber nimmt man den Genesis-Text als Interpretationsbasis, steht da etwas anderes." Das Publikum war auf seiner Seite.

Vor allem: zweifeln!

Es wäre vermutlich nicht möglich gewesen, den Philosophen zu überzeugen. Aber ich glaube, es wäre möglich gewesen, dass der Theologe etwas weniger dumm dastand. Wenn er zum Beispiel gesagt hätte: "Ich weiß, dass ich Sie nicht widerlegen kann. Ich kann Ihnen nur sagen, wie wir Theologen die Geschichte lesen. Und warum wir das tun: Weil wir aus unserem religiösen Leben heraus die Erfahrung gemacht haben, dass Gott gut ist. Ich verstehe, dass Sie das nicht verstehen können. Ich will Ihnen nur erklären, warum aus unserer Glaubensperspektive Ihre Interpretation falsch ist." Auch das habe ich mit der Zeit verstanden: In der Theologie ist die Bibel allein nie die Basis, sondern auch der Glaube – an einen barmherzigen Gott. Die Theologie ist der Versuch von vernunftbegabten Menschen, den barmherzigen Gott mit der Isaak-Opferung in Einklang zu bringen.

4. Floskeln weglassen

Es klingt fast zu einfach: Sie müssen sich mit Ihrem Glauben auseinandersetzen, wenn Sie über ihn sprechen wollen. Finden Sie Ihre eigenen Worte; Sie müssen sich nicht selbst welche ausdenken, aber voll hinter ihnen stehen. Plappern Sie aber nichts einfach nach. Erzählen Sie, warum Sie an Christus glauben, ohne ihn erfahren zu haben. Oder erklären Sie, warum Sie nicht an ihn glauben und trotzdem Teil der Kirche sind. Und wenn es nur das kleine Ziehen ist, das Sie spüren, wenn Sie sonntags nicht in die Kirche gehen – nichts ist zu klein, solange es echt ist. Lassen Sie die Floskeln weg. "Die Wege des Herrn sind unergründlich" ist einmal zu oft gesagt worden. Sagen Sie: "Ich verstehe nicht, wieso ein Kind an Krebs sterben muss. Es ist herzzerreißend und himmelschreiend ungerecht. Ich weiß nicht, warum er das zulässt."

Nach Worten für den Glauben zu suchen ist anstrengend. Aber es geht nicht anders. Manchmal habe ich das Gefühl, einige suchen gar nicht danach – aus Angst, nichts zu finden.

5. Vergleiche ziehen

Ziehen Sie Vergleiche in die Lebenswelt der gottlosen Menschen. (Um auf Vergleiche zu kommen, müssen Sie deren Welt kennen, womit wir wieder bei Punkt 1 wären.) Naheliegendes ist oft besser. Eine Frage, die ich Franziskus von Boeselager während unseres gemeinsamen Jahres stellte, war: Wie kannst du sicher sein, dich nie wieder zu verlieben? Franziskus antwortete: Könne er nicht. Es sei wie bei einer Ehe oder festen Beziehung. Auch da verliebe sich ein Partner mal neu, verlasse aber deswegen nicht unbedingt den alten Partner. Er, Franziskus, werde sich bestimmt wieder verlieben – müsse deswegen aber nicht seinen Bund mit Gott lösen. Er glaube – und hoffe –, dass er sein Weiheversprechen halten könne.

Diese Antwort leuchtete mir so sehr ein, dass ich meine eigene Frage nicht mehr verstand. Franziskus sagte außerdem nicht, dass er sicher sei, was mich noch einmal mehr überzeugte – siehe Punkt 7.

6. Immer persönlich bleiben

Einmal saß ich mit Franziskus und einem weiteren Priester zusammen. Ich wollte von ihnen wissen, warum Jesus Christus kein Spinner gewesen sein soll. Zuerst versuchten sie es mit der Theologie, zitierten Bibelstellen: Die Bergpredigt sei die logische und zwangsläufige Weiterführung der Zehn Gebote, Jesus habe sich da auf eine Stufe mit den Alten gestellt. Ich blieb dabei, dass Jesus trotzdem ein Spinner gewesen sein könne. Dann sagte Franziskus: "Ich kann dir sagen, dass er kein Spinner war, weil ich ihn in meinem Leben erfahren habe. Gott ist ja nicht irgendwie in mein Leben getreten, sondern durch Jesus Christus. Durch seine Kirche, durch sein Wort, durch die Kommunion, wenn die Hostie in seinen Leib gewandelt wird." Und da sagte ich nichts mehr. Was sollte ich auch sagen? Ich kann ihm ja nicht seine eigenen Erfahrungen absprechen. Die sind ja keine Einbildung.

7. Vor allem: zweifeln!

© Michael Bönte

Alle zweifeln, ständig, an allem. Und es ist okay, dass Sie das auch als Christ oder Christin tun. Ich bin überzeugt: Es ist sogar sehr wichtig. Viele Christen schrecken, glaube ich, davor zurück. Sie setzen sich nicht mit ihrem eigenen Glauben auseinander, weil sie insgeheim fürchten, ihn so lange zu hinterfragen, bis sie ihn verlieren. Ich möchte niemanden aus seiner Komfortzone zwingen, wenn es ihm da gut geht. Es ist toll, wenn Sie sonntags in die Kirche und danach zum Gemeindekaffee gehen und damit glücklich sind – ganz ernsthaft. Aber ich denke, wenn Sie über Glauben sprechen wollen, Ihre Worte finden wollen, müssen Sie in sich selbst suchen. Müssen die Zweifel zulassen, ihnen begegnen und Ihrem Glauben vertrauen, dass er eine Antwort finden wird.

Und dann: Erzählen Sie von diesen Zweifeln. Erzählen Sie, wie neulich alles über Sie hereinbrach, als Sie am Schreibtisch saßen, im Krankenhaus oder im Sessel vor den Nachrichten – wie Sie zweifelten. Wenn Sie diese Zweifel nicht weggeschoben haben, dann können Sie auch davon erzählen, was Sie zurückbrachte. Sagen Sie: Ich zweifle. Immer wieder, manchmal jeden Tag. Und ich komme am Ende immer wieder zu Gott. Was ist stärker?

8. Nicht zu viel reden

Es war eine der großen Diskussionen zwischen Franziskus und mir: Er wollte, dass ich ihn vor allem bei seiner Arbeit begleite. Ich wollte reden, damit er mir das erklärt, was ich nicht sehen kann. Letztlich hatten wir beide recht. Er musste einsehen, dass er versuchen muss, Worte zu finden. Ich musste einsehen, dass ich diese Worte erleben muss. Nachdem ich irgendwann anfing zu fragen "Wie?" und Franziskus wirklich zuhörte, reichten manchmal vermeintlich unscheinbare Situationen. Und plötzlich kam etwas bei mir an, das ich doch vorher schon oft gehört hatte. So lernte ich dann auch die katholische Sprache. Zum Beispiel: angenommen sein. Franziskus sagte immer, Glaube sei, sich angenommen zu fühlen. Das hielt ich anfangs auch für eine Floskel. Nach ein paar Monaten saß ich in einer Messe, beobachtete ein Paar, wie es sich die Hostien vom Priester geben ließ und sich dann hinkniete. Und da war etwas in ihrer Bewegung, dass ich die Worte plötzlich verstand, auch etwas fühlte. Die beiden sahen angenommen aus.