Man könnte sagen, künftig gilt die Schwer-zu-sagen-Daumenregel nicht mehr, wenn der Fingerabdruck des Klimawandels sichtbar wird. In ein paar Jahren werden Wetterdienste wohl routinemäßig zusätzlich zur Vorhersage angeben können, ob und welchen Einfluss der Klimawandel auf die jeweilige Wetterlage hat.

Über den Sommer 2018, der hierzulande mit Hitzewellen im Mai begann und weiten Teilen der Nordhalbkugel Extremwetter brachte, werden jedenfalls noch viele Studien dieser neuen Art erscheinen.

Was wir längst kennen, ist sein Kontext. Dieser Sommer hat sozusagen einen großen theoretischen Unterbau:

•  Wir wissen, dass die globale Mitteltemperatur seit Beginn der Industrialisierung schon um rund ein Grad angestiegen ist.

•  Wir wissen, dass die Erwärmung Hitzewellen häufiger und heftiger macht.

•  Wir wissen, dass der Zusammenhang bei Hitzewellen klarer ist als etwa bei Stürmen und Starkregen.

•  Wir wissen, dass die Temperaturen in der Arktis doppelt so schnell steigen wie im globalen Durchschnitt.

•  Wir wissen, dass von den zehn weltweit wärmsten Jahren seit Beginn der Messungen neun im 21. Jahrhundert liegen. Und die drei allerwärmsten waren 2015, 2016 und 2017.

Vor diesem Hintergrund fällt es schwer, den gegenwärtigen Sommer nicht als Szenario zu verstehen: als Anschauung für das, was Simulationsrechnungen und Klimaberichte – mit Unschärfe zwar, aber ziemlich klar in der Tendenz – vorhergesagt haben.

Was lernen wir dann aus einem Sommer wie diesem? Es ist ja gut, wenn die Bundesumweltministerin von den "Extremwetter-Ereignissen, die wir schon jetzt zu spüren bekommen", spricht. Es ist ja begrüßenswert, dass die Bundeslandwirtschaftsministerin die "Widerstandsfähigkeit der Landwirtschaft gegen den Klimawandel stärken" will. Der Gesundheitsminister empfahl unterdessen, "im Zweifel die Wärmflasche in den Kühlschrank zu legen". Gewiss kann sich ein reiches Land – so und anders – auf künftige Hitzewellen und Dürren vorbereiten.

Bloß hat in demselben Land die Regierung schon während der Koalitionsverhandlungen ihre selbst gesteckten Klimaziele unterminiert. Bloß hat diese Regierung die Beratungen über ein Datum für den Kohleausstieg an ein Gremium delegiert, in dessen Namen ("Kommission Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung") das Wort Klimaschutz gar nicht auftaucht. Bloß werden Spritfresser-Limousinen weiter als Dienstwagen begünstigt, und das Flugzeug als klimaschädlichstes Transportmittel genießt Steuererlass auf Kerosin. – So werden die Treibhausgas-Emissionen in Deutschland wohl weiter stocken, statt zu sinken: Gerade mal ein halbes Prozent weniger Kohlendioxid als 2016 stieß die Bundesrepublik, dieses Hightech-, Ideen- und Ingenieursland, im vergangenen Jahr aus.

Der Klimawandel lässt sich nicht mehr vom Wetter trennen. Er ist auch kein abstrakter Prozess, dessen Resultate im Jahr 2100 vorgestellt werden. Und wie arg zu viele zu extreme Wetterereignisse Gesellschaften strapazieren und politische Systeme destabilisieren können – das kann man sich nach ein paar Wochen Hitze auch schon besser ausmalen.

Was wir in diesem Hitzesommer sehen? Wir sehen die Zukunft.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio